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Meerbusch
"Liebe Abiturienten"

Meerbusch. Herbert Mann ist Lehrer am Mataré-Gymnasium und wird in wenigen Tagen pensioniert. Wir haben ihn gefragt, ob er zum Abschied eine Rede an die Meerbuscher Abiturienten schreiben mag. Hier ist seine Botschaft an die Klasse von 2016.

Jemandem etwas mitgeben - auf den Weg - wenn man sich trennen muss, weil Veränderungen zwangsläufig sind, ist ebenso üblich, wie es schwierig ist. Was kann ich euch Abiturienten mit auf den Weg geben? Alle Schülerinnen und Schüler merken, dass der so lange herbeigesehnte Augenblick, das Abiturzeugnis in Händen zu halten, zwei Seiten hat, eine glückliche und eine schmerzliche. Die glückliche Seite des Zeugnisses enthält das Versprechen glänzender und unendlicher Möglichkeiten, die in der nächsten Zukunft liegen mögen. Die andere, die schmerzliche Seite, ist, dass nun viele, ganz viele Hände losgelassen werden müssen.

Vor jedem Abiturienten liegt ein anderer Weg. Es ist wie bei einem Baum. Am Anfang, noch im Stamm vereint, geht es gemeinsam in eine Richtung. Jetzt aber, nach dem Abitur, verzweigt sich alles und plötzlich sind die Blätter isoliert, jedes ist für sich. Wohin gehen die Wege? Welches Studium, in welcher Stadt? Die Eltern bleiben zurück. Ihr seid erst einmal allein, und - das ist das Gute daran - nun auch allein verantwortlich.

Das Abitur ist ein Schnitt. Ihr empfindet zunächst und besonders das ganz Naheliegende, dass ihr die Nähe der Mitschüler verliert. Die eben noch so verschworene Gemeinschaft löst sich unweigerlich und unaufhaltsam auf. Das war vor gut 45 Jahren, als ich Abitur gemacht habe, nicht anders. "Wir halten Kontakt! Wir halten Kontakt!", klingt, wenn ich daran denke, mir die damalige Beschwörungsformel heute noch in den Ohren. Doch war es eine Illusion. Zu den Klassentreffen, heute sagt man Stufentreffen, kamen schon zum ersten Termin gar nicht mehr alle. Beim letzten Treffen war nur noch ein Drittel anwesend.

Das soll jetzt niemanden entmutigen. Ich beschreibe nur die Realität. Nun haben sich im Laufe der Zeit die Kommunikationsmedien grundlegend geändert. 1970 hatten nur wenige Studenten ein Telefon. Ich bin davon überzeugt, dass die Abiturienten der heutigen Zeit viel öfter und auch länger Kontakt halten werden, als wir das damals konnten. Wir müssen spekulieren, ab wann eine Q2-WhatsApp-Gruppe lästig zu werden beginnt. Wann werdet ihr aufhören, dorthin Nachrichten zu schicken?

Ihr, das mag Euch im Moment gar nicht so sehr berühren, verliert auch eure Lehrerinnen und Lehrer, die euch wohlvertraut sind, ob ihr sie mögt oder nicht. Die Schülerinnen und Schüler, die das Abitur erreichen, haben viele Lehrpersonen kennengelernt. Sie können alle gut einschätzen, wissen, wie jeder Einzelne reagiert. Sympathie und Antipathie wurden seit den fünften Klassen kontinuierlich vergeben und alle Verteilungskämpfe sind nun am Ende der Q2 längst abgeschlossen. Was bedeutet aber nun die ganze Vertrautheit noch? Nichts mehr! Das umfangreiche strategische Repertoire, das es auf beiden Seiten gibt, ist plötzlich obsolet und unnütz geworden. Wir Lehrer merken das jedes Jahr, wenn wir die Abiturientia verabschieden. Die Bilder der Schüler verblassen schnell, und die Namen entfallen uns zuerst. Nach dem schriftlichen und nach dem mündlichen Abitur spürt jeder Beteiligte, wie die immer merkliche, aber unsichtbare Schranke von Abhängigkeit endlich einmal deutlich sichtbar, aber im gleichen Augenblick ganz bedeutungslos wird. Das vorher ungleiche Gewicht wird endlich ausbalanciert. Lehrer und Schüler stehen sich als Gleiche gegenüber. Es macht sicherlich ein Gutteil des Hochgefühls aus, das ihr als Abiturenten empfinden dürft und sollt.

Das System Schule ist so komplex, dass es nicht leicht durchschaut werden kann, auch nicht im Moment des Abiturs. Ein Beispiel: Der Lehrer freut sich vorbehaltlos darüber, dass eine schwierige Schülerin oder ein schwieriger Schüler nun doch noch sein Abitur bekommen hat. Die schwierige Schülerin oder der schwierige Schüler dagegen können sich diese Freude des Lehrers gar nicht vorstellen, denken sie doch eher im Zorn zurück und freuen sich, dass sie es "trotzdem" geschafft haben, obwohl ihnen doch so viele Schwierigkeiten in der Schule gemacht wurden. "Geschafft!", "endlich geschafft!", denken alle, auch die sehr guten Schüler, bei denen es nicht selten um die allerletzten Punkte ging, die in der Summe erst Hoffnung auf den Zugang zu dem gewünschten Studium machen. Damit sind wir aber nun an einem Punkt, den ich nur einen Skandal nennen kann. Im Verlauf der achtundsechziger Jahre begann die sogenannte Studentenrevolte, die in kurzer Zeit auf die Schulen übergriff. Ganze Gymnasien, zum großen Teil begleitet von ihren Lehrern, verließen ihr Schulgebäude und ihren Unterricht und zogen morgens durch die Innenstädte, um gegen den Numerus Clausus zu demonstrieren. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich bin selbst dabei gewesen.

Was haben wir 2016? Durchweg etablierte Zugangsbeschränkungen zu den einzelnen Studiengängen. Wer regt sich noch auf? Alle haben sich auf skandalöse Art und Weise damit arrangiert. Dass wir einerseits die Verweildauer auf dem Gymnasium um ein Jahr verkürzt haben und auf der anderen Seite die Abiturenten jahrelang warten lassen auf den gewünschten Studienplatz, kann niemand gutheißen. Verstehen kann den Widersinn sowieso niemand. Und da kommt mir mein Gedanke vom Anfang des Textes wieder in den Sinn. Was soll ich mit auf den Weg geben, wenn die Wege verstopft sind? Nur eines: Kämpft um eure Träume! Seid es euch wert, das anzustreben, was ihr machen wollt. Lasst euch nicht beirren, nicht hindern. Sucht Mittel und Wege für eure Träume! Ihr habt das Zeugnis der Reife in der Hand und seid von nun an selbst verantwortlich für das, was ihr tut und was ihr wollt.

Der Autor: Dr. Herbert Mann ist seit zehn Jahren am Mataré tätig. Er unterrrichtet Deutsch und Kunst. Vorher war er an der RWTH Aachen als Assistent für Kunstgeschichte tätig. Er ist Privatdozent für Mittlere und Neue Kunstgeschichte. Mit Ende des Schuljahres beendet er die Tätigkeit am Mataré.

Quelle: RP
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