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Kitzbühel
Meerbuscher läuft in 49 Minuten die Streif hoch

Kitzbühel: Meerbuscher läuft in 49 Minuten die Streif hoch
Philip Mes (38) bei seiner anstrengenden Tour. FOTO: Mes/privat
Meerbusch. Der Meerbuscher Philip Mes (38) hat jetzt als einer von 1000 Extremläufern am Vertical Up 2016 in Kitzbühel teilgenommen. Dabei geht es darum, die Originalstrecke der legendären Streif so schnell wie möglich hoch zu rennen - 3,3 Kilometer, 860 Höhenmeter, egal ob mit Ski, Steigeisen oder Spikes. Für uns hat er die Geschichte seiner ungewöhnlichen Bergbesteigung aufgeschrieben.

Sie gilt als die schwierigste Ski-Abfahrtsstrecke der Welt - die Streif in Kitzbühel. Was beim spektakulären Hahnenkammrennen auf Skiern das Ziel ist, ist beim Lauf namens "Vertical Up" (VUP) der Start und umgekehrt: Der Start ist das Ziel. Es ist meine dritte Teilnahme in der Speed-Klasse beim VUP in Kitzbühel und ich stehe in Laufhosen bei 0 Grad Celsius mit Helm und Stirnlampe in erster Reihe am Start. Respekt, Vorfreude, und höchste Konzentration kommen auf, als um 18.30 Uhr der Kanonenstart erfolgt. Ich presche durch knöcheltiefen sulzigen Schnee los, bis Beine und Lunge brennen. Dabei befinden wir uns gerade mal beim Zielsprung, wo sonst Abfahrtsfahrer Sprünge mit bis zu 80 Metern hinlegen. Hier gilt es, Meter zu machen um sich von der großen Masse zu lösen.

Spätestens ab der Traverse herrscht Chaos. Jeder versucht auf der vereisten Schräge, die optimale Linie zu finden, ohne auszurutschen und andere mit in die Tiefe zu reißen oder gar mit Steigeisen zu verletzen. Doch einige sausen wie Geschosse durch die Läufer. Gut, dass es seit diesem Jahr eine Helmpflicht gibt! Ich weiche aus Erfahrung nach rechts an den Waldrand aus, verliere zum ersten Mal meine rechten Spikes und habe sofort keinen Halt mehr auf der vereisten Steigung. Halten, richten, weiterlaufen, denn sonst lande ich schneller im Tal, als mir lieb ist.

Nach der Hausbergkante mache ich im Lärchenschuss und am Oberhausberg sprintend einige Plätze gut. Puls und Atem rasen um die Wette. Einen Schluck Tee an der Seidelalm, in der die Idee zum Hahnenkammrennen entstand, kommt gerade Recht, und irgendwie vermisse ich die aufmunternden Worte von Urgestein Pauli: " Philip Du wüida Hund, aufi aufi" bevor es in den Seidelalmsprung geht.

Hell beleuchtet liegt die Alte Schneise vor mir. Stirnlampen wuseln wie auf der Perlenschnur gezogen hinauf. So steil und schräg hatte ich diesen Abschnitt nicht mehr in Erinnerung. Ich nutze die unregelmäßig in die Piste geschlagenen Stufen meiner Vorgänger und arbeite mich Schritt für Schritt, Stockeinsatz für Stockeinsatz und Atemzug um Atemzug der Absprungkante entgegen.

Die Gleitstücke Brückenschuss und Gschöss bringen mich zur Schlüsselstelle des Abfahrtsrennens: die Steilhang-Ausfahrt. Hier fällt auf beim Skirennen die Vorentscheidung über Sieg und Niederlage. Doch bergauf laufend kann uns diese nichts anhaben. Dafür fordert uns der nun zu erklimmende und technisch anspruchsvolle Steilhang. Spätestens hier stellt sich heraus, ob Materialwahl und Renntaktik richtig gewesen sind. Es ist so steil, dass man nur mit weit vorgebeugtem Oberkörper, auf die Stöcke gestützt hoch kommt. Jeder Schritt will mit Bedacht gesetzt werden, denn ein Fehler endet hier ähnlich wie beim legendären Skirennen, mit einem Sturz unaufhaltsam in den Netzen. Ausgerechnet hier verliere ich meine Spikes am rechten Schuh. Ich rutsche und kann keinen Schritt mehr setzen. Auf einem Bein im steilen Hang versuche ich mein Problem in den Griff zu bekommen.

Ich erreiche das Karussell und höre die begeisterte Menge an der Mausefalle, die uns Läufer lautstark anfeuert. Deswegen gebe ich in der Kompression noch mal richtig Gas. Ich quäle mich die spiegelglatte Mausefalle rauf, die steilste Abfahrt der Welt mit 85 Prozent Steigung. Vor sechs Wochen bin ich hier noch mit Skiern runter gefahren. Ich weiß nicht, was furchteinflößender ist. Runter oder rauf? Hunderte Zuschauer säumen die letzten Meter bis ins Ziel, und jeder Läufer ist nun völlig ausgepowert. Meine Oberschenkel brennen und sind schwer wie Blei. Ich beiße, ich kämpfe und gebe noch mal alles. Mit dem Schritt ins Starthäuschen habe ich es geschafft und bekomme nach 49 Minuten meine Finishermedaille umgehangen.

Quelle: RP
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