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Meerbusch
Meerbuschs größte Oster-Glocke

Meerbusch: Meerbuschs größte Oster-Glocke
„Früher war es gefährlicher, den Turm zu besteigen“, berichtet Küsterin Gisela Hage-Hülsmann neben der 2,4 Tonnen schweren Stephanus-Glocke. „Damals hatten wir nur alte Holzleitern, und man wusste nie, ob man auf eine Sprosse treten konnte, ohne dass diese bricht.“ FOTO: Dackweiler, Ulli
Meerbusch. In der Osternacht künden die Glocken in Meerbusch von der Frohen Botschaft. Die größte läutet bereits seit 235 Jahren in der Lanker St.-Stephanus-Kirche Von Maurice Te Dorsthorst und Martin Röse

BEIM BESTEIGEN des Glockenturms der St.-Stephanus-Kirche knarzen die alten Stufen. Die dunkle Holztreppe führt hoch bis zum Chorbereich. Ab da geht's nur per Leiter weiter, um zur größten Glocke Meerbuschs zu gelangen. Mit 2,4 Tonnen ist sie so schwer wie 13 333 Lindor-Schokoeier. Durchmesser: 1,54 Meter. Seit Gründonnerstag hängt sie still in den Seilen. In der Osternacht aber wird sie mit ihrem Klang von der Frohen Botschaft erzählen - so wie im Vorjahr. Und im Jahr davor. Und so wie bereits im 20. Jahrhundert. Und im 19. und 18.

1780: Johann Wolfgang von Goethe schreibt mit Bleistift an die Holzwand einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn in Thüringen "Wandrers Nachtlied". In Amerika tobt der Unabhängigkeitskrieg, in Preußen regiert der Alte Fritz und in Lank ärgert sich Pastor Wilhelm Jacobs über seine neue Glocke. Sieben Jahre zuvor hatte die alte Stephanus-Glocke einen Riss bekommen. Sie stammte noch aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Und der Pfarrer hatte die Idee, sie gemeinsam mit der 1,3 Tonnen schweren, wegen eines Fehlers im Schlagring blechern klingenden Sebastianus-Glocke einzuschmelzen und aus den beiden großen drei kleinere Glocken gießen zu lassen.

Dass es nicht dazu kam und die im Jahr 1706 erschaffene Sebastianus-Glocke heute die älteste von Meerbusch ist, ist der Lanker Bevölkerung zu verdanken. Missmutig zitierte Jacobs in seinen Aufzeichnungen den Deputierten von Lank: "Sie wöllten kein ,Kloster Meer Gewimmels' haben, sondern eine solche so schwäre Glokke, das die vorige gewesen, die überall rechtschaffen gehöret würde." Argumente, denen sich der Geistliche nicht verschloss.

Wenn Glocken sprechen könnten, würde Meerbuschs größte diese zwei Sätze sagen: "Mich hat Peter Hemony im Jahre des Herrn 1647 aus 4753 Pfund Metall gegossen und Lutger Voigt 1780 aus dem selben Metall in Lanck aufs neue gegossen. Aus Stephanus ein neuer Stephanus an Gewicht und Kunst". Weil Glocken nicht sprechen können, ist dieser Satz als Inschrift auf der Glocke angebracht.

Der Guss der Glocke war ein Großereignis in Lank. Denn eine 2400 Kilogramm schwere Glocke zu transportieren war in einer Zeit, in der Auto und Dampfmaschine noch auf ihre Erfindung warteten, keine Kleinigkeit. Glockengießer Voigt machte das Naheliegendste: Er goss die neue Glocke gleich im Schatten der Kirche auf dem van-Haagshof am Markt, gegenüber der Fronhofstraße. Noch heute erinnert der Name der Straße an dieses Ereignis vor 235 Jahren: Glockengasse.

Die Nachkommen der "Gewimmels"-Gegner waren vor gut 60 Jahren nicht ganz so erfolgreich in der Verteidigung ihrer Stephanus-Glocke: Während des Zweiten Weltkriegs holten die Nationalsozialisten die Glocke aus dem Turm. Per Zug wurde sie nach Hamburg gebracht, sollte für die Rüstungsindustrie in ihre Hauptbestandteile Kupfer und Zinn zerlegt werden, wie rund 45 000 Glocken im Deutschen Reich auch. 3,50 Reichsmark sollte es pro Kilo dafür geben. Doch als der Krieg zu Ende war, waren die Lanker Glocken noch Glocken, kamen einige Jahre später zurück.

Um sie zum Klingen zu bringen, brauchte es damals zwei erwachsene Männer oder vier Jungen. Die Jungen nutzten oft die Gelegenheit: Sie hielten sich am Seil fest, wenn es zurückschnellte - wodurch sie fast bis an die Decke flogen. Damit war es 1950 vorbei: Ein mechanisches Uhrwerk wurde installiert, das bis vor 13 Jahren in Betrieb war. Und auch die hölzerne Glockenanlage wurde erneuert. "Ich habe damals gesehen, wie die Glocken aus dem Turm gehievt wurden. Das war ein Spektakel", berichtet Gisela Hage-Hülsmann, die der Arbeit als Küsterin in Lank bereits seit 1998 nachgeht. Sie legt ihre Hand aufs kühle, Jahrhunderte alte Metall, das seine Form neun Jahre vor der Französischen Revolution fand, hält sich mit der anderen am hölzernen Stützbalken fest. Einmal hat ihr die Stephanus-Glocke Kummer bereitet. An einem Karfreitag. Damals hatte die Küsterin aus Versehen vergessen die Glockenanlage auszuschalten. "Da haben am Stillen Freitag die Glocken geläutet, so dass die Anwohner sich beschwert haben."

Quelle: RP
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