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Meerbusch
Nickels stiller Geburtstag

Meerbusch: Nickels stiller Geburtstag
Nicole "Nickel" Sander mit ihrer Freundin Beate Watton und ihrem Vater Rolf Ahrweiler (v.l.). Der Luftballon war ein Geburtstagsgeschenk von ihrem Vater. FOTO: Ulli Dackweiler
Meerbusch. Seit zehn Jahren liegt Nicole Sander aus Strümp im Wachkoma. Familie und Freunde haben jetzt mit ihr den 50. Geburtstag gefeiert. Von Tanja Karrasch

Ihr 40. Geburtstag war ein buntes Fest mit vielen Gästen. Im "Kanapee" hatte Nicole Sander, die von ihren Freunden "Nickel" genannt wird, einen Raum gemietet. Es wurde gelacht und gesungen, ihre Familie, ihr Ehemann Ricky, Kollegen und Freundinnen vom Kegelclub feierten ausgelassen mit ihr. Zehn Jahre später gibt es wieder ein Jubiläum: Nickel wird 50. Wieder sind ihre Familie und Freunde an ihrer Seite, doch die Feier ist eine ganz andere.

Im Malteserstift St. Stephanus in Lank haben sie den Gemeinschaftsraum mit Girlanden geschmückt. Nickels Vater Rolf Ahrweiler hat einen mit Helium gefüllten Geburtstagsballon mitgebracht. Seine Tochter sitzt in einem Rollstuhl mit am Tisch. Die Gäste können kaum glauben, dass schon fast zehn Jahre vergangen sind, seit Nicole Sander im Oktober 2006, nur drei Monate nach ihrer Geburtstagsfeier, nach einem Kopf-Aneurysma ins Wachkoma fiel.

Ihr Zimmer im Seniorenheim ist gemütlich eingerichtet, selbstgemalte Bilder hängen an den Wänden. Beate Watton, Nickels beste Freundin und frühere Arbeitskollegin bei der Stadt Meerbusch, zeigt Fotos vom Vortag. Nickel lächelt darauf, vielleicht könnte man sagen, sie strahlt. Rolf Ahrweiler streichelt ihren Arm. "Du schläfst schon fast ein, stimmt's?" fragt er. Nickel kann nicht mit Worten antworten. Doch manchmal blickt sie in die Richtung, aus der die Stimme kommt. Tochter und Vater haben eine besondere Art zu kommunizieren. Nickel teilt sich durch Augenzwinkern und Kopfbewegungen mit, die ihre Mitmenschen interpretieren. Wie viel Nickel wirklich wahrnimmt, können sie nur erahnen. Wenn ihr etwas nicht gefällt, verzieht sie das Gesicht. Mit der linken Hand kann sie greifen, Hände schütteln, würfeln. Ihr Ehemann besucht sie täglich außer dienstags, dann kommt ihr Vater. Nickel ist nun bereits im dritten Heim, sie war in Krefeld, in Strümp, jetzt in Lank. "Nicht jeder Besuch ist einfach", sagt Watton. "Es ist wie es ist", sagt ihr Vater.

Während der ersten drei bis vier Jahre im Wachkoma zeigte Nickel kaum Reaktionen. Geduldig haben ihre Mitmenschen sie unterstützt, jeder kleine Fortschritt hat ihnen Hoffnung gegeben. Die wurden vor allem durch Therapien möglich. Durch Logopädie, Physiotherapie, Cranio-Sakral-Therapie, Tomatistherapie, Osteopathie. Nur Teile der Kosten übernahm die Krankenkasse.

Vieles konnte die Familie durch Spenden finanzieren. In den ersten Jahren gab es Benefizkonzerte, Spendenaktionen. "Da kam ein Ball ins Rollen und der rollte durch ganz Meerbusch", erinnert sich Beate Watton. Die Anteilnahme an Nickels Schicksal rührt sie: "Es ist ganz toll, wie viele Menschen nach so vielen Jahren an Nickel denken und sie nicht aufgegeben haben." Das sei nicht selbstverständlich. Auch Rolf Ahrweiler ist es ein Bedürfnis, Danke zu sagen. "Wenn ich im Ort unterwegs bin, werde ich immer gefragt, wie es Nickel geht." Gerade in Strümp, wo Nickel herkommt, sei der Zusammenhalt groß.

Bald möchte die Familie eine Reittherapie ermöglichen. Nicole Sanders Fortschritte sollen erhalten und darauf aufgebaut werden. Die Bewegung auf dem Pferd hat ihr schon einmal gutgetan. Grund zur Freude gab es dieses Jahr bereits: Seit Kurzem kann Nickel breiartige Nahrung zu sich nehmen. Joghurt hat sie einmal sogar selber gelöffelt. Auch Apfelmus mag sie gerne. Zuvor hatte Nickel, die sonst über eine Magensonde ernährt wird, den Mund für normales Essen nicht weit genug geöffnet. Dank ihrer Logopädin klappt es nun manchmal. Ihr Vater ist zuversichtlich: "Wenn das bessergeht, macht der Papa dir Reibekuchen", verspricht er. Das war damals Nickels Lieblingsspeise.

Quelle: RP
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