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Meerbusch
Nur noch wenig Platz für Flüchtlinge

Meerbusch: Nur noch wenig Platz für Flüchtlinge
Die Spendenbereitschaft der Meerbuscher ist groß: Sascha Fanel spendierte eine Gartenbank und einen Gartentisch. Die Flüchtlinge Berhane und Yosef aus Eritrea freuten sich sehr darüber. FOTO: Ulli Dackweiler
Meerbusch. Die landes- und bundespolitische Situation spiegelt sich auch in Meerbusch wider: Jede Woche, jeden Tag werden der Stadt neue Flüchtlinge zugewiesen. Zurzeit sind es mehr als 300, die Prognose für 2015 geht von 450 aus. Von Anke Kronemeyer

Der Erste Beigeordnete der Stadt, Frank Maatz, sagt es klar und deutlich: "So langsam kommen wir an unsere Kapazitätsgrenze." Heißt: Die Stadt weiß bald nicht mehr, wo sie die ständig steigende Zahl an Flüchtlingen unterbringen soll.

Die aktuelle Situation Unterkünfte gibt es am Neusser Feldweg, an der Cranachstraße, am Heidbergsdamm und an der Strümper Straße. Ab Herbst soll die Kranenburger Straße umgebaut werden, und auch an der Insterburger Straße sollen Flüchtlinge eine Unterkunft auf Zeit erhalten. In allen Häusern leben zurzeit 315 Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr kamen 147 insgesamt. Das bedeutet schon jetzt eine Verdoppelung - und das Jahr ist erst zur Hälfte vorbei. Die Prognose der Experten für 2015 geht von 400, wenn nicht sogar von 450 Flüchtlingen für Meerbusch aus.

Herkunftsländer Die meisten der Flüchtlinge stammen aus Syrien. Andere kommen aus Afghanistan, Albanien, Algerien, Bangladesch, Eritrea, Georgien, Irak, dem Kosovo, Marokko, Pakistan, Serbien oder Tadschikistan. Hans Günter Focken, SPD-Ratsherr und Vorsitzender des Sozialausschusses, weiß: "Viele sind in ihrer Heimat in Lebensgefahr." Die Flucht sei darum für sie die einzige Lösung. Ob sie alle Asyl bekommen, stehe zu Beginn nicht zur Debatte. "Das wird später geklärt." Für die Flüchtlinge sei entscheidend: "Erst mal weg aus der Heimat."

Die Herausforderung Die Stadt Meerbusch weiß zum einen heute noch nicht, wie viele Flüchtlinge am Montag oder Dienstag vor der Tür stehen. Zentrale Aufnahme ist in Dortmund, die Bezirksregierung Arnsberg verteilt die Flüchtlinge über einen bestimmten Schlüssel. Aber auch die Herkunft der Männer, Frauen oder Familien ist entscheidend: "Wir müssen ja auch auf Kulturen, Religion und Nationalitäten achten", sagen Maatz und Focken. Heißt: Es soll niemand in einer Flüchtlingsunterkunft mit einem anderen aus einem verfeindeten Land untergebracht werden.

Die Finanzen Im Jahr 2013 hat die Stadt 1,5 Millionen Euro gezahlt, um die Flüchtlinge zu betreuen. 430 000 Euro davon wurden erstattet. Für dieses Jahr wird mit 2,85 Millionen Euro gerechnet sowie einer Erstattung von 820 000 Euro. Dass die Stadt verschuldet ist und kein Geld "übrig" hat, spielt dabei keine Rolle. Frank Maatz: "Flüchtlingsbetreuung ist eine absolute Pflichtaufgabe für alle Kommunen. Das müssen wir übernehmen und das Geld über den Haushalt zur Verfügung stellen."

Unterstützung Bei der Caritas ist eine Koordinierungsstelle eingerichtet, viele Kirchen helfen, aber auch städtische Mitarbeiter sind in die Organisation und Betreuung eingebunden. Es wurde bereits - zum Beispiel als Hausmeister und Sicherheitskräfte - neues Personal für die einzelnen Unterkünfte eingestellt. Darüber hinaus gibt es breites ehrenamtliches Engagement innerhalb der Meerbuscher Bürgerschaft. Es gibt sehr viele, die bereits Spenden abgegeben haben: Fahrräder, Haushaltsgeräte, Geschirr, Sitzmöbel, Gartenbänke. Darüber hinaus nehmen viele Sportvereine die Flüchtlinge mit in ihr Programm. Die Bewohner des Neusser Feldwegs machen mit beim Osterather Lauftreff, und auch im TSV Meerbusch sind schon viele Asylsuchende "Stammgäste" bei Sportaktionen. Maatz: "Ohne das Ehrenamt liefe nichts in Meerbusch, dafür sind wir enorm dankbar."

Kommunikation Genau die ist nach Meinung von Hans Günter Focken wichtig. "Bevor wir in einer Straße Flüchtlinge unterbringen, reden wir mit den Nachbarn." Nur so könne eine Willkommenskultur aufgebaut werden. Der SPD-Politiker weiß: "Die Nachbarn haben viele Fragen, sind unsicher, manchmal skeptisch." Man müsse versuchen, alle mitzunehmen, damit keine Feindschaften entstehen. "Dass plötzlich Flüchtlinge im Haus nebenan leben, ist für viele eine Ausnahmesituation."

Probleme "Eigentlich läuft alles bei uns geräuschlos ab", so Hans Günter Focken. Aber: Die Initiative Pro Osterath zum Beispiel fordert in einem Brief an Bürgermeisterin Angelika Mielke-Westerlage, Flüchtlinge in kleineren Wohneinheiten unterzubringen, um so eine "verträgliche Personendichte" zu erreichen. Maatz sagt: "Das versuchen wir natürlich, ist aber nicht immer möglich."

Appell Alle, die mit Flüchtlingen zu tun haben, appellieren an die Meerbuscher zum einen, zu helfen, wo sie können (Deutsch-Unterricht, Spenden), aber auch, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Maatz weiß: "Der Immobilienmarkt in Meerbusch ist anders als im Ruhrgebiet, hier gibt es wenig Lehrstand." Lobenswert findet er aber auch den Einsatz von einigen Firmenchefs, Flüchtlinge bei sich zu beschäftigen.

Quelle: RP