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Meerbusch
Pokémon-No-Go auf dem Friedhof

Meerbusch: Pokémon-No-Go auf dem Friedhof
Der Friedhof als digitale Wettkampfarena: Das Handyspiel "Pokémon Go" stößt bei der Nutzung an Ruhe- und Gedenkstätten wie hier auf dem Büdericher Friedhof an ethische Grenzen. FOTO: Falk Janning
Meerbusch. In Büderich soll es zu Beschwerden über Nutzer des Handyspiels auf dem Friedhof gekommen sein. Während Ratsmitglied Marc Becker intervenieren will, sind der Stadt keine Zwischenfälle bekannt. Von Marcus Gülck

Der Blick huscht immer wieder ein wenig unsicher vom Handy und streift prüfend die Umgebung. Ganz wohl ist Julia bei der Sache offensichtlich nicht. Seit einem Monat hat das Handyspiel "Pokémon Go" Deutschland erobert. Auch Julia ist seit einigen Tagen der Jagd nach den kleinen Taschenmonstern verfallen. So kommt es, dass die 18-Jährige am Montagmittag auf ihrem Fahrrad sitzt und ihrer neuen Leidenschaft nachgeht. Wenn auf dem Display ihres Handys die analoge mit der digitalen Welt verschmilzt, ist die junge Frau in ihrem Element.

Einziger Haken an der Sache: Sie steht mitten vor dem Büdericher Friedhof. Dieser ist unfreiwillig zum Teil der weltweiten Monsterjagd geworden. So finden sich am Brühler Weg gleich mehrere Punkte, an denen die Spieler ihre Monster gegeneinander in Arenen kämpfen lassen und darüber hinaus Belohnungen sammeln können. "Ich würde niemals auf die Idee kommen, das Spiel auf dem Friedhof zu spielen", sagt sie. Deshalb sei sie extra mit ihrem Fahrrad bis vor das Eingangstor gefahren. "Ich fände es absolut respektlos, mit dem Handy auf dem Friedhof herumzurennen und dieses Spiel zu spielen."

Doch offenbar teilen nicht alle Monsterjäger diese feinfühlige Einstellung. So sollen sich in der letzten Zeit die Beschwerden bei Marc Becker, dem Vorsitzenden der Fraktion Piraten und Linke im Meerbuscher Stadtrat, über störende Monsterjäger auf dem Friedhof gehäuft haben. "Wenn jemand in aller Stille eines Verstorbenen gedenken möchte, ist es einfach unpassend, wenn zeitgleich andere Leute mit ihren Handys über den Friedhof ziehen, nur um dieses Spiel zu spielen", sagt Becker.

Bis ins Rathaus haben es die Beschwerden noch nicht geschafft. "Uns liegen keine Reaktionen von den Friedhofsbesuchern vor", sagt Michael Betsch, Bereichsleiter für Grünfläche und Friedhöfe im Rathaus. Auch nach Rücksprache mit dem zuständigen Vorarbeiter des Friedhofs ließen sich keine Vorfälle ermitteln. "Somit ergibt sich für uns auch kein Handlungsbedarf."

Ratsmitglied Marc Becker hat bereits die kalifornische Entwicklerfirma "Niantic Labs" kontaktiert, um die neuralgischen Punkte auf dem Friedhofsgelände aus der Spiele-App entfernen zu lassen. Dabei geht es ihm nicht etwa darum, den Spielern ihren Spaß zu nehmen: "Ich spiele schließlich selbst Pokémon. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn man die Anlaufstellen um einige Meter außerhalb des Friedhofgeländes verlagern würde."

Zwar bietet das Spiel seinen Nutzern einen gesonderten Anreiz, Ruhe- und Gedenkstätten aufzusuchen, denn nur dort lassen sich bestimmte Monster mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit gefangen nehmen. Der Friedhof als (digitaler) Spielplatz ist allerdings nicht nur für Marc Becker alleine schon mit Blick auf die Wahrung der Totenruhe keine Alternative: Auch Julia ist ihr Ausflug ein wenig unangenehm. In der virtuellen Arena hat sie mit ihrem Monster zwar einen Kampf gewonnen. Der Friedhof bleibt für sie aber ein Pokémon-No-Go.

Quelle: RP
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