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Stadtarchiv
Praktikum zwischen Akten

Meerbusch. "Besonders die alten Unterlagen aus dem 19. Jahrhundert sind spannend. Daraus lesen wir uns zwischendurch immer gegenseitig vor", sagt Saskia Scherer und lächelt.

Der beachtliche Berg an rostigen Büro- und Heftklammern, den die angehende Historikerin dabei gewissenhaft aus den Kirchenakten der Lanker Pfarrgemeinde St. Stephanus geklaubt hat, ist ein eindrucksvoller Arbeitsnachweis. Gemeinsam mit Katharina König, Studentin für Geschichte und Niederländisch an der Uni Essen, absolviert die 31-Jährige derzeit ein vierwöchiges Praktikum im Stadtarchiv an der Karl-Borromäus-Straße in Büderich. "Erlebnis Archiv" heißt der Titel des Praxissemimars, das der Landschaftsverband Rheinland (LVR) alljährlich in Kooperation mit den rheinischen Universitäten anbietet. Der Nachweis des Praktikums ist für die Geschichtsstudenten Pflicht. Seit fast zehn Jahren ist auch das Meerbuscher Stadtarchiv als Ausbildungsort dabei - und es wird eifrig genutzt.

Die Betreuung der Studierenden verbucht Stadtarchivar Michael Regenbrecht, der selbst Historiker ist, als selbst auferlegten "Lieblingsauftrag": Nur zu gern baut er gerade unter jungen Leuten mit viel Herz die landläufigen Vorurteile gegen Archive ab - von wegen staubig, langweilig oder "von gestern". Bei Saskia Scherer, die in Wuppertal Geschichte studiert und vor allem das Mittelalter liebt, und Katharina König hat er mit derlei Halbwissen kein Problem. Beide sind mit viel Interesse bei der Sache. "Arbeit gibt's hier reichlich, entsprechend viel lernen wir kennen", freut sich Katharina König, die sich bewusst für ein kleineres Stadtarchiv als Praktikumsplatz entschieden hat. Wo Meerbusch liegt und was das Meerbuscher Archiv so tut, hat die Münsteranerin erst nach der Anmeldung "gegoogelt" und für gut befunden.

Etliche Kartons mit Rechnungen, Protokollen, Geburts- und Sterbebüchern haben die beiden in ihrer ersten Praktikumswoche registriert und in einen Aktenplan eingearbeitet. Nicht ohne sie vorher zu "entkernen", wie der Fachmann sagt. Rostiges Metall ist bekanntlich Gift für betagte Dokumente. Nach den Kirchenakten will Michael Regenbrecht seine Studentinnen in die Welt der Plakate eintauchen lassen, die das Archiv über Jahrzehnte gesichert hat. "Jedes erzählt eine Geschichte - nicht nur über die Veranstaltungen in unserer Stadt oder über politische Wahlen, sondern auch über den Stil des Grafikdesigns in jener Zeit."

Der Stadtarchivar freut sich, wenn junge Leute von Universitäten oder auch von den weiterführenden Meerbuscher Schulen bei ihm ein Stück Archivpraxis kennenlernen möchten. Die Nachfrage nach Praktika ist groß. Wenn Saskia Scherer und Katharina König ihre Sachen packen, stehen die Nachfolger schon Gewehr bei Fuß.

Quelle: RP
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