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Kolumne Wie Geht's, Meerbusch?
Schämt Euch!

Meerbusch. Ein Flüchtling ertrinkt. Im Netz reagieren Meerbuscher mit Häme. Das ist ebenso beschämend wie entlarvend.

Dass die neuen Ausländerfeinde, die sich nicht selten hinter dem Euphemismus

"Flüchtlingskritiker" verbergen, im Internet ihrem Zorn freien Lauf lassen, ist kein neues Phänomen. Wann immer wir auf unserem Facebookportal der Rheinischen Post Meerbusch über Flüchtlinge berichten, gibt es Menschen, die ihren Unmut über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zum Ausdruckbringen. Auch wenn es vielen missfällt: Die Kritik ist das legitime Recht dieser Menschen, die Demokratie will das so. Nicht selten verlassen die Kommentatoren jedoch mit ihren Aussagen den Boden des Grundgesetzes. Und dann gibt es Kommentare, die ziehen einem den Boden unter den Füßen weg, weil sie entlarven, dass diese Menschen sämtliche Empathie, sämtliche Anteilnahme am Schicksal eines Menschen verloren haben.

Seit dieser Woche herrscht Gewissheit, dass der in Meerbusch-Nierst in den Rhein gestiegene Flüchtling Hakim ertrunken ist. In Duisburg ist seine Leiche gefunden worden. Die Obduktion hat bestätigt, dass es sich um den 18-jährigen Afghanen handelt. Als wir dieses bei Facebook aufschrieben, meldete sich ein Meerbuscher: "Wer nicht schwimmen kann, der sollte nicht ins Wasser gehen." Andere teilen seine Meinung.

Welch ekliger Satz. Er zeigt sich das wahre Wesen dieses Flüchtlingskritikers: Der Zorn über die Flüchtlingspolitik ist hier sogar offenbar größer als die Fähigkeit des Mitfühlens. Wer aber nicht mehr um das Schicksal eines gestorbenen Menschen trauern kann, der schweige.

Dieser tragische Unfall muss Anlass sein, für eine kurze Zeit den Debattenraum zu verlassen, sich an das Schicksal von Hakim zu erinnern, der sich auf der Suche nach einem besseren Leben den Weg gemacht hat, tausende Kilometer gereist ist, hier am Niederrhein neue Freunde gefunden hat, um an einem schönen Sommertag plötzlich von einem reißenden Strom mitgerissen zu werden: Hakim hat die Gefahren des Rheins unterschätzt.

In der nachfolgenden Debatte ging es darum, inwieweit am Rhein ausreichend auf die Gefahr des Badens hingewiesen wird. Landespolitiker schlagen vor, mehr Warnschildern aufzustellen und auch im Flüchtlingsheim zu informieren. Auch hier meldeten sich die Flüchtlingskritiker zu Wort. Warum die Debatte erst jetzt aufkomme, wo ein Flüchtling gestorben ist? Warum nicht schon bei einem "deutschen Rheinopfer"? Auch hier liegen die Kritiker falsch: Immer wieder ist über ein Badeverbot diskutiert worden. Hakims Tod hat nur deshalb eine andere Dimension, weil ein Flüchtling im Gegensatz zu einem lange in Meerbusch lebenden Menschen noch nie von den Gefahren des Rheins gehört haben wird. Deshalb ist es richtig, wenn die Politik sich jetzt Gedanken über bessere Informationspolitik macht: für Flüchtlinge und Deutsche übrigens.

Quelle: RP
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