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Johannes Peters
Sind Sie das Hoffenheim der Oberliga?

Johannes Peters: Sind Sie das Hoffenheim der Oberliga?
Johannes Peters, Vorsitzender des TSV Meerbusch, im Gespräch mit RP-Redakteur Sebastian Peters. Das Interview fand im Haus des TSV-Chefs in Krefeld statt. Im Herzen ist Peters aber ebenso sehr Meerbuscher. Er sei zutiefst davon überzeugt, dass die Marke TSV Meerbusch für die Stadt zuträglich sein könne, sagt Johannes Peters im Interview. FOTO: Ulli Dack weiler
Meerbusch. Vor einem Jahr fusionierten der TuS Bösinghoven und der ASV Lank. Wie ist das gelungen? Ein Gespräch mit dem Chef.

Herr Peters, wie ist Ihr Gefühl ein Jahr nach dem Zusammenschluss der beiden Vereine? Werden Sie als Fusionsclub, der ja derzeit eher noch Projektstatus hat, kritischer beäugt als sogenannte Traditionsvereine? Anders gefragt: Sind Sie jetzt das TSG Hoffenheim der Oberliga?

Peters Häme gibt es nicht, ich höre weitestgehend Positives. Und was das Thema Tradition angeht: Ich lese aufmerksam die Stadionzeitungen bei unseren Gastspielen. Da wird immer geschrieben, welche Erfolge wir schon erreicht haben, dass wir schon einmal Tabellenerster waren. Und es steht auch immer drin, wo wir herkommen - immer werden TuS Bösinghoven und der ASV Lank erwähnt.

FOTO: TSV Meerbusch

Wie viele Präsidenten anderer Vereine haben sich schon bei Ihnen erkundigt, wie das geht mit so einer Fusion?

Peters Das waren schon einige. Aus Krefeld war jemand da, aus Grefrath. Ich treffe ja auch viele.

Welche Außenwirkung nehmen Sie wahr? Der Verein hat ja jetzt keinen Stadtteilnamen mehr, sondern steht jetzt sozusagen für Meerbusch.

Peters Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es für die Außenwirkung Meerbuschs zuträglich ist. Wenn wir früher als TuS Bösinghoven zum Wuppertaler SV kamen, dann fragte man uns: Wo liegt eigentlich Bösinghoven? Meerbusch kennen sie aber alle. Markenwerbung, das ist eines unserer nächsten Ziele.

Wie ist die Fusion technisch gelungen aus Ihrer Sicht?

Peters Es ist eine Riesenverantwortung für einen Ehrenamtler wie mich. Ich bin 68 Jahre alt. Ich kann es nicht mehr ewig machen. Deshalb sind wir dabei, die Migration, zwei Geschäftsstellen zusammenzuführen, die Prozesse zusammenzubringen. Jeder hat vorher gemeint, er macht es ganz toll. Da schließe ich uns, den TuS Bösinghoven, nicht aus. Es muss jetzt besser werden. Jede Person muss sich zurechtfinden.

Wie haben Sie den Umbruch personell gestemmt?

Peters Lank hatte eine 20-Stunden-Kraft, wir auch. Stellenmäßig ist es nach der Fusion sogar mehr geworden. An dieser Stelle müssen die entscheidenden Leute sitzen. Wir haben da jetzt gutes Personal gefunden.

Wie viel Prozent der Fusion haben Sie schon erreicht?

Peters Auf einer Skala von 1 bis 10 sind wir bei 7,5, würde ich sagen. Man muss bedenken, dass in einem Sportverein die Prozesse dieselben sind wie in einer kleinen Firma. Die Stammdaten müssen gut verwaltet sein, es muss ein Mahnwesen geben. Es muss Leute geben, die im Prozess denken können, mal links und rechts schauen.

Geht zu viel Zeit für Bürokratie drauf im Sportverein?

Peters Die Abrechnungen mit den Krankenkassen sind extrem zeitaufwendig. Man muss immer kämpfen, mit dem Finanzamt, mit den Krankenkassen. Wir haben annähernd 100 Kräfte, die von ganz wenig bis ganz viel verdienen. Das muss man alles verwalten. Wir unterliegen alle vier Jahre einer Sozialversicherungsprüfung, die sind schlimmer als die Finanzamts- oder Lohnsteuerprüfungen. Dazu muss jeder Übungsleiter mittlerweile ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen - beim Fußball gibt es eine hohe Fluktuation bei den Trainern. Das muss immer up to date sein.

Wie gehen Sie als Sportverein mit dem Thema Mindestlohn um?

Peters Der Mindestlohn zieht sich auch in die Sportvereine. Man muss den Stundenlohn nachweisen.

Selbst bei den Fußballern?

Peters Es steht zwar nirgendwo schwarz auf weiß, dass das zwingend ist. Frau Nahles (Bundesarbeitsministerin, Anm. d. Red.) sagt zwar immer, dass der Sport ausgenommen sei. Aber die vorsichtigen Steuerberater raten dazu, dies nachzuhalten. Es kann am Ende immer ein Sozialrichter kommen, der den Fall anders bewertet. Der Vertrag, auch der der Übungsleiter, muss daraufhin abgeklopft werden.

Konnten Sie sich Ratschläge anderer fusionierter Clubs holen, was hat geholfen?

Peters Es gab keine Blaupause für eine Fusion, wegen der Emotion, wegen der Vielfalt an Meinungen. Es gibt eine Beraterin, die zieht durch ganz NRW und berät die Vereine. Sie kann bestimmte Eckpunkte nennen: Eine neue Satzung muss her, neue Ordnungen. Das Formaljuristische ist einem schon bekannt.

Geht die Tendenz nicht dahin, dass Vereine zunehmend fusionieren müssen, weil die Strukturen in jetziger Form nicht ausreichen?

Peters Das ist vollkommen korrekt. Es gibt zwei wichtige Punkte: Die Sportstätten verfallen mancherorts und das ehrenamtliche Engagement geht zurück. Da sind Fusionen vielerorts zwingend. Dazu wird die Vereinswelt immer komplexer. Die Vorgaben sind für die Kleinen genau wie für die Großen. Da kann man sich so leicht verhaspeln und verstricken. Unser Ziel der Fusion war auch, das Ehrenamt zu stärken durch eine professionelle hauptamtliche Tätigkeit in der Geschäftsstelle. Klar braucht das sein Geld und man bekommt auch mit kleinen Beiträgen keinen großen Verein finanziert. Mit 60 Euro Jahresbeitrag bekommt man das nicht geschafft.

Wie haben sich Ihre Mitgliedsbeiträge entwickelt?

Peters Die Abteilungsversammlungen sind alle gewesen. Vier Abteilungen haben ihre Beiträge für 2017 erhöht. Man muss wissen: Die Beitragshöhe ist die Hoheit der Abteilung. Der Vorstand muss es genehmigen. Wenn die Badmintonabteilung mit teuren Federbällen spielt und deshalb die Beiträge erhöht, dann muss man das verstehen. Jede Abteilung wiederum muss dann einen Beitrag an den Verein abtragen. Bei uns sind das 2,70 Euro pro Mitglied im Monat. Dieser Betrag ist nicht verändert worden. Das sind 32,40 Euro im Jahr, da kommt man so knapp mit hin. Wir haben das Glück, dass wir in Bösinghoven keine Miete zahlen, weil wir die alte Schule saniert haben mit eigenen Mitteln. Wir haben damals ein echtes Sportcenter daraus gebaut. Das hat in dieser Form kein zweiter Verein. Die IT-Infrastruktur ist so gut, da muss ich mich hinter keiner Firma verstecken.

Sie reden viel über den technischen Aspekt: Wie hat die Fusion die Mitglieder im Herzen erreicht? Fühlen die sich als TSV Meerbusch?

Peters So ganz sicherlich noch nicht. Bei mir ist der Pulsmesser meine eigene Frau. Die ist heute seit 8 Uhr beim Sport in Bösinghoven. Die berichtet mir, dass viele noch TuS und ASV sagen, sie sprechen von "wir" und "ihr". Man muss wissen, dass sich ja im Grunde für viele nichts geändert hat. Die meisten machen immer noch in der gleichen Halle Sport mit den gleichen Übungsleitern.

Sehen Sie denn die Chance, die Leute weiter mitzunehmen?

Peters Die Vielfalt an Meinungen und Emotionen hat zugenommen. Die muss man einfangen, da kann man nicht mit dem Knüppel durch die Reihen laufen. Man muss die Leute hinter sich bringen und die Fusion jetzt zu Ende bringen.

Aber hat sie nicht schon ein gutes Ende genommen? Sie sind fusioniert!

Peters Was ist schon ein Jahr? Am 1. Juli ist es genau zwölf Monate her. Wir müssen in ruhigere Bahnen kommen. Die Transparenz in den Finanzen ist mir extrem wichtig. Deshalb haben wir die Finanzbuchhaltung auch extern an einen Experten aus Fischeln vergeben.

Den größten Wandel musste wahrscheinlich bei der Fusion die Fußballabteilung vollziehen?

PEters Da sind beide Abteilungen zusammengebracht worden. Das war der größte Akt, allein die Spielberechtigung für die Spieler zu bekommen, war mühsam. Wir brauchten für den 1. Juli die Spielberechtigung für den neuen Verein.

Wie ist es mit Marketingmaßnahmen? Noch hat der TSV kein Maskottchen.

Peters Die Meerbusch-Identität im Verein ist nicht sehr ausgeprägt. Das Miteinander in einer so zerklüfteten Stadt ist schwierig zu schaffen. Ein Maskottchen oder eine Symbolfigur wäre da nicht schlecht. Aber auch Maßnahmen im sozialen Bereich und Sponsoring sind wichtig. Wir unterstützen beispielsweise mit den Silvesterläufen den Verein "Meerbusch hilft".

Fußball als Integrationshelfer - wie klappt das bei Ihnen?

Peters Wir versuchen das erfolgreich. Wir haben 20 Syrer, die bei uns dabei sind. Einen beschäftigen wir, Abdullah hat schon einen Anerkannt-Status. Er macht bei uns die Rasenpflege. Ich begrüße ihn immer mit Salam Aleikum. Er staunt immer und fragt, woher ich das weiß. Ich kann dann immer sagen: Das habe ich bei Karl May gelesen. Jeder, der Sport machen will, ist bei uns willkommen. Die Flüchtlinge zahlen bei uns auch keinen Beitrag, da muss man gar nicht drüber reden. Integration klappt am besten, indem die Leute einfach dabei sind.

Die einfachste Identifikation der Meerbuscher mit dem TSV gelingt aber wohl über den sportlichen Erfolg.

Peters Unser Projekt wird natürlich in den anderen Vereinen mit Argusaugen betrachtet. Deshalb gilt: Wenn wir absteigen würden, würden sich sicherlich auch einige freuen. Damit muss man leben.

Spiele wie gegen Fortuna Düsseldorf vor wenigen Monaten helfen, den Verein populär zu machen.

Peters Das wollen wir ausbauen. Bei diesem Spiel habe ich Leute hier gesehen, die waren schon lange nicht mehr am Sportplatz. Ich habe manchmal das Gefühl, wir sind in den umliegenden Kommunen bekannter als in Meerbusch selbst.

Wäre es möglich, einen prominenten Spieler zu holen?

Peters Die wollen immer zu viel Geld haben. Da bin ich vorsichtig. Mein Sohn Christoph ist verrückter. Ich sitze bei den Gesprächen immer dabei. Wir haben auch schon einige ganz prominente Leute gehabt. Ich sage keine Namen. Die haben uns noch zu TuS-Zeiten gesagt, wie toll wir wären. Dann haben wir von den finanziellen Vorstellungen gehört, da war ganz schnell Schluss.

SEBASTIAN PETERS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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