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Kommentar
Wirtschaftsfeindlich ohne Not

Beim Denkmalschutz ist das Pendel in Deutschland von einem Extrem ins andere ausgeschlagen. Es gib den bösen Spruch, dass nach dem Krieg mehr schöne Bauten zerstört wurden als im Krieg. Lässt man Revue passieren, welche Gebäude in Krefeld der Abrissbirne zum Opfer fielen, ist der Eindruck nachvollziehbar; man denke nur an die Fassade des Krefelder Hofs am Ostwall. Heute würde man sie erhalten und dahinter einen Glaspalast errichten.

Doch mittlerweile werden Gebäude mit einer Rigorosität unter Schutz gestellt, die mitunter schwer nachvollziehbar ist. Übrigens keineswegs nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus inhaltlichen Erwägungen heraus. Ein gutes Beispiel ist das Et Bröckske: Die Gaststätte ist Anfang der 50er Jahre weitgehend neu errichtet worden - in einem Stil, der damals bereits als gemäßigter Traditionalismus umstritten war. In dem Gutachten zur Denkmalwürdigkeit wird dann betont, das Innere der Gaststätte sei "ein Identifikationsmerkmal, an das zahlreiche Gäste Erinnerungen an private und öffentliche Feiern knüpfen können. In diesem Sinne ist die Ausstattung der 1950er Jahre als erhaltenswert einzustufen." Mit dieser Begründung könnte man jeden Partykeller in Deutschland unter Schutz stellen.

Auch beim Bayer-Kasino gab es eine ähnliche Debatte. Vor allem der Hinweis, dass getrennte Küchen für Chefs und Untergebene "sozialgeschichtlich bedeutend" seien, ist auf irritierte Nachfragen gestoßen. Was ist noch alles bedeutend, wenn das schon bedeutend ist?

Heute zeichnet sich für das Kasino keine Nutzung ab; es ist marode, energetisch eine Katastrophe und blockiert strategische Optionen für einen Industriepark, der für die Zukunft der Region immens wichtig ist. Das Bayer-Kasino wäre ein Beispiel gewesen, wie man mit Augenmaß Maximalforderungen des Denkmalschutzes hätte eine Absage erteilen können.

Die Entscheidung des Gerichts ist ein Beispiel für Wirtschaftsfeindlichkeit in Deutschland, die von Wirtschaftsführern oft beklagt wird. Ironisch daran ist auch: Das Kasino stand, als es gebaut wurde, für Innovation; die Entscheidung, es gegen schwerwiegende Bedenken als wohl nutzlose Skulptur zu erhalten, negiert den Geist des Gebäudes. Der Chempark wird davon nicht untergehen, aber er wurde geschwächt, weil nicht gestärkt für die Zukunft. Solche Überlegungen darf ein Gemeinwesen, das von einer Wirtschaft im globalen Wettbewerb lebt, nicht außer Acht lassen. Jens Voss

Quelle: RP
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