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Meerbusch
Unter Fluglärmgegnern

Meerbusch: Unter Fluglärmgegnern
Kein Wetterhahn, sondern ein Flieger, den unserer Fotograf Ulli Dackweiler über dem Turm von St. Mauritius aufgenommen hat. FOTO: Dackweiler Ulli
Meerbusch. Viel Lärm um Lärm: Im Gasthaus Krone versammelte sich die Initiative "Bürger gegen Fluglärm" zur Jahreshauptversammlung. Wer sind diese Bürger und welche Argumente haben sie? Ein Ortsbesuch. Von Sebastian Peters

Als wir an diesem Abend nach 75 Minuten das Gasthaus Krone in Meerbusch wieder verlassen, den Kopf voll mit Fluglärmwissen, da sind wir uns für einen kurzen Moment sicher: Niemals, wirklich niemals, wird der Flughafen Düsseldorf seine gewünschte Kapazitätserweiterung genehmigt bekommen. Das Daten-Zahlen-Fakten-Paket, das Meerbuschs Fluglärmgegner zuvor über uns haben einprasseln lassen, hat kurzfristig gewirkt. Warum, so fragen wir uns, sollte der Flughafen die Kapazität erweitern müssen, wo doch ohnehin keine Notwendigkeit für mehr Flüge besteht?

Der Kampf des Flughafens für die Kapazitätserweiterung - es läuft langsam alles auf den Showdown zu, fast wie im Western. Nur dass hier nicht mit Pistolen gekämpft wird, sondern mit einer viel subtileren und wirkungsvolleren Waffe: der Informationsveranstaltung. Vor einem Monat hat der Flughafen über seine Pläne einer Kapazitätserweiterung in der Meerbuscher Gesamtschule informiert - nur 60 Bürger kamen, und die Fluglärmgegner verteidigten ihr Nicht-Erscheinen damit, dass dies doch nur eine "Propaganda-Veranstaltung" des Flughafens gewesen sei. Jetzt gehen die "Bürger gegen Fluglärm" mit ihrem Programm auf Tour, zwei Tage zuvor informierten sie in Essen-Werden und jetzt eben in Büderich, jenem Stadtteil, den ein Flieger im Schnitt eine Minute nach dem Start am Düsseldorf Airport erreicht hat. In rund 300 Metern Höhe krachen die Flugzeuge über den Ortskern, und man muss schon ziemlich schmerzfrei sein, um das nicht als störend zu empfinden.

FOTO: Schaller Bernd

Aber würde eine Kapazitätserweiterung alles verschlimmern?

Das Gasthaus Krone ist ein Wirtshaus, kein zweckdienlicher Veranstaltungsraum wie die Aula der Montessori-Gesamtschule, die der Flughafen gewählt hatte. Es ist stickig und heiß in dem Saal, in dem zum Start der Sitzung rund 90 Bürger sitzen und stehen, die meisten älteren Semesters. Auch Vertreter fast aller Ratsfraktionen sind anwesend. Die Politiker tragen sich auf Unterschriftenlisten gegen die Kapazitätserweiterung ein. Wer nicht unterschreiben will - wie berufsbedingt zum Beispiel der Autor - wird von der Unterschriftensammlerin erst mal schief angeschaut. 10.000 Autogramme habe man bereits gesammelt, wird Christoph Lange als Meerbuscher oberster Fluglärmgegner später verkünden. Das ist die Stelle, an der am meisten Applaus aufbrandet.

Die Kellnerin serviert zwar fortlaufend Bier, Alt und Pils, aber echte Bierzeltstimmung will nicht aufkommen. Kaum Klatschen, keine Buh-Rufe. Die Fluglärmgegner lassen sich von der Kraft der Zahlen berieseln. Lange und sein Mitstreiter Georg Regniet aus Essen, der als Diplom-Statistiker im Auftrag der Fluglärmgegner die Flugbewegungen überwacht, können liefern.

Zuerst spricht Bürgermeisterin Angelika Mielke-Westerlage das Grußwort, ehe sie 20 Minuten später weiter nach Strümp fährt, wo andere Meerbuscher Bürger gegen eine Straße statt gegen Flugzeuge kämpfen. Als Mitglied der Fluglärmkommission ist die Bürgermeisterin mittlerweile im Thema, beherrscht die Fluglärmgegner-Rhetorik. "Wenn ich den A 380 über Büderich sehe, dann meint man manchmal, dass der direkt auf der Dorfstraße landet", sagt sie. Mielke-Westerlage hat auch alle Zahlen parat. Natürlich die Kernzahl, dass der Flughafen die Genehmigung von 47 auf 60 Flugbewegungen pro Stunde erweitern will. Sie trägt vor, dass derzeit 256.000 Flugbewegungen pro Jahr erlaubt wären, nach der Kapazitätserweiterung aber 318.000. Technisch könne der Flughafen jedoch nur 250.000 Flugbewegungen derzeit abwickeln. 2015 habe es 24 Verletzungen der Nachtruhe im Schnitt täglich gegeben. Sie endet mit der Drohung, dass der Stadtrat am Ende einer Klage zustimmen werde.

Dann kommt der Auftritt des Chefstatistikers: Georg Regniet trägt die Zahlen nüchtern vor - die Anzahl der Passagiere steige seit 2005 kontinuierlich, dafür sinke tendenziell die Zahl der Flugbewegungen wieder. In der vergangenen Woche habe es 100 Landungen nach 23 Uhr gegeben - wetterbedingt. "Ich frage mich, wie das wird, wenn 60 Flugzeuge abgewickelt werden." Christoph Lange schlussfolgert, dass durch die Kapazitätserweiterung Flugbewegungen von den kleinen Flughäfen in Münster/Osnabrück oder Paderborn und Weeze abgezogen würden, die doch die Flieger so dringend bräuchten. "Die Nachfrage ist gesättigt", sagt er und dann kommt die Kellnerin rein und bringt Bier. Einige atmen auf. Es ist so unglaublich schwül.

Am nächsten Morgen: Die Zahlen-Daten-Fakten-Show vom Vorabend wirkt nach, aber als interessierter Bürger ist man an der Gegenseite interessiert. Wir schreiben den Flughafensprecher Thomas Kötter an und konfrontieren ihn mit dem Hauptvorwurf des Vorabends, dass nämlich der Flughafen gar keinen Bedarf habe. Stimmt das?

Und dann läuft die Infomaschine wieder an, nur diesmal spricht die Gegenseite. Kötter argumentiert, dass der Flughafen aufgrund des Einzugsgebiets "zu den fünf Flughäfen in Europa mit der höchsten Übernachfrage nach Slots" gehöre und die Bahnen flexibler nutzen müsse. Er räumt ein, dass die Entwicklungen der Flugbewegung rückläufig war. Das Passagierwachstum der vergangenen Jahre über die Flugzeuggröße werde in Kürze aber sein natürliches Ende finden, argumentiert er. Bis 2030 werde das Passagieraufkommen in Deutschland um 65 Prozent zunehmen. NRW müsse daran partizipieren. Mit dem Antrag wolle man lediglich die bereits heute genehmigte Kapazität von 256.000 Slots langfristig "in Bewegungen umsetzen", meint Kötter. Und weiter: "Wir bleiben mit den 254.300 erwarteten Bewegungen langfristig unterhalb dem Kontingent von 256.000, das bereits heute genehmigt ist, das wir jedoch aufgrund der starren, unflexiblen Rahmenbedingungen nicht realisieren können." Angebot und Nachfrage könnten nicht in Deckungsgleichheit gebracht werden, so Kötter und liefert das Beispiel, dass der Flughafen am Ostersonntag die gleiche Anzahl an Slots hat wie am ersten Ferientag. Zu manchen Stunden verfielen die Slots, an anderen herrsche zu hohe Nachfrage.

Wieder klingt alles so verdammt plausibel, denken wir. Vorwürfe hier, Vorwürfe da. Gegenseitig bezichtigt man sich der Lüge. Es geht manchmal um siebte Stellen hinter dem Komma, und der neutrale Beobachter fragt sich: Was ist denn jetzt richtig? Wir sind in dem Moment einfach froh, kein Politiker oder Richter zu sein. Denn am Ende entscheidet eben doch nicht wie im Western die Pistole, sondern hoffentlich die wundervolle Kraft des Arguments. Gut so!

Quelle: RP
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