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Meerbusch
Vergangenheit in Scherben

Meerbusch: Vergangenheit in Scherben
Mit Ekkehard Deußen von der Stadt besichtigten die ehemaligen Ostara-Mitarbeiter die Baustelle in Osterath und die bereits stehenden Rohbauten am Winklerweg. FOTO: Ulli Dackweiler
Meerbusch. Auf dem ehemaligen Ostara-Gelände befindet sich derzeit Meerbuschs größte Baustelle: Hunderte Wohnungen und Häuser werden dort errichtet. Gestern schauten sich frühere Mitarbeiter der Fliesenfabrik auf dem Gelände um Von Emily Senf

Als der Kleinbus hält und die Fahrgäste aussteigen, bleibt Manfred Haase einfach sitzen. Er sei nicht gut zu Fuß, ruft der 83-Jährige den anderen hinterher, aber aus seiner Stimme klingt Trotz, der Blick ist grimmig. Er habe eigentlich gar nicht kommen wollen, sagt der Rentner, die Augen auf die Gruppe geheftet, mit der er unterwegs ist. "Aber mein Sohn hat gedrängt." Dafür ist er ihm nun dankbar. Mit den Männern, die einmal seine Kollegen gewesen sind, besichtigt Haase die Keramikfabrik Ostara in Osterath - oder eher das, was davon nach dem Abriss noch übrig ist. Leicht sei das nicht, gibt Haase zu. Immerhin hat er fast 50 Jahre für das 1891 gegründete Unternehmen gearbeitet.

Das Areal zwischen Meerbuscher und Strümper Straße, unmittelbar an der Bahnlinie gelegen, ist eine einzige Sandwüste. Alles, was einst dort stand, wurde platt gemacht. 2008 fiel das letzte Gebäude, nun rollen wieder die Bagger. Noch in diesem Jahr sollen dort zahlreiche Wohnhäuser entstehen, dazu Meerbuschs größter Supermarkt. "Man vermisst was", sagt Haase, er schluckt. "Einen Teil der Gebäude hätten sie stehenlassen sollen."

Die selbst ernannte Rentnergruppe gründete Hans Fucken, ehemals Hilfsarbeiter, später Vorarbeiter im Lager, zuletzt Abteilungsleiter in der Aufbereitung, 46 Jahre insgesamt. Mit dem Fahrrad fuhr er die 900 Meter zur Arbeit. Als die Firma 2002 geschlossen wurde, trommelte der heute 78-Jährige Männer aus der Produktion zusammen. Dazu Schlosser, Elektriker und Laboranten, gut 20 an der Zahl. Zweimal im Jahr trifft sich die Gruppe seitdem. Im Frühjahr steht ein Frühschoppen an, für den Herbst organisiert Fucken einen Ausflug. "Jedes Mal woanders hin", sagt er. Seine Stimme ist tief, das Gesicht rund. Dem Rentner ist wichtig zu betonen: "Wir sind alle geistig voll da." Er kichert. "Darüber bin ich immer wieder überrascht."

Die Ostara-Männer sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Die meisten von ihnen fingen im Alter von 14 in der Firma an, teilten sich bereits mit 15 die Nachtschichten. Sie verbrachten ihre Freizeit zusammen, machten erst die Übernahme 1974 durch den Schweizer Konzern Laufen und 1998 durch die Deutsche Steinzeug AG mit. Sogar eine eigene Fußballmannschaft hatte das nach der Göttin der Morgenröte benannte Werk. Der sportliche Erfolg hielt sich in Grenzen. "In der dritten Halbzeit, an der Theke, da waren wir stark", sagt Fucken und lacht dröhnend. Die anderen fallen ein. Mit im Bus sitzt Ekkehard Deußen, Abteilungsleiter Straßenbau und Betrieb bei der Stadt Meerbusch. Wortreich erläutert er den ehemaligen Ostara-Mitarbeitern die Planungen für das Grundstück. Eine Zeichnung zeigt, an welcher Stelle was gebaut werden soll. Siegfried Bartz hat die Arme vor der Brust verschränkt. Eigentlich gefällt ihm das alles nicht, so viel ist klar. Interessiert am Bauprojekt ist der 82-Jährige trotzdem. Für Ostara zog der gebürtige Aachener nach Osterath, arbeitete dort 38 Jahre als Technischer Leiter. Den Stadtmitarbeiter löchert mit Fragen, er will wissen, ob irgendetwas von damals erhalten bleibt. Wird es, bestätigt Deußen. Eine alte Fliesenpresse, die viele Jahre im Hinterhof der Verwaltung stand, soll aufgearbeitet und in die Mitte eines neu entstehenden Kreisverkehrs in der Wohnsiedlung gesetzt werden. Abends sorgen Scheinwerfer dafür, dass sie zu sehen ist. Bartz nickt. Noch immer strahlt der hagere Mann Autorität aus. Seine Stimme ist leise, aber bestimmt. Doch sobald ein Witz fällt, einer von vielen an diesem Tag, kann auch er sich ein Lachen nicht verkneifen. Klar, dass Fucken ihn in die Gruppe geholt hat.

Als der Bus einmal um das Areal gefahren ist und sich die gedrückte Stimmung gelegt hat, erinnern sich die Männer an früher. Häufig hätten sich gegenseitig bei der Arbeit an Schnelligkeit überboten. Die Sieger erhielten Medaillen, die sie aus Fliesen gefertigt hatten. "Freitags gab es die Lohntüte", beginnt Willi Kulgart, mit 73 Jahren der Jüngste in der Runde. Der Bus grölt. "Oh ja", ertönt es von hinten. In Sechserreihen hätten die Ostara-Arbeiter dann an der Theke im "Haus Droege" gegenüber des Werks angestanden und Bier bestellt. Wenn ihre Frauen sie nicht vorher abgefangen haben.

Quelle: RP
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