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Meerbusch
Vom verschwundenen Wald auf der Issel

Meerbusch: Vom verschwundenen Wald auf der Issel
Aufnahme aus den 1920/30er jahren: Issel mit Haus Meer und der Brücke als Orientierungspunkte. FOTO: Stadtarchiv
Meerbusch. Inmitten des Ilvericher Naturschutzgebietes liegt ganz malerisch die Issel. Dort, wo sich heute von Horizont zu Horizont Felder und Wiesen erstrecken, stand einst ein prächtiger Hochwald - der Isselbusch. Von Mike Kunze

Vor knapp 200 Jahren wurde der Wald in Nachgang der großen Säkularisation von 1802 aufgeteilt und gerodet. Für die (oft neuen) Besitzer war das ein hervorragendes Geschäft. Zum einen konnte zuerst in Massen Bau- und Brennholz verkauft werden, zum anderen war der über Jahrhunderte mit Humus gedüngte Boden anschließend von bester Qualität für den Getreideanbau. Für die einfache Bevölkerung war das Ganze dagegen eine Katastrophe. Das Problem vergrößerte sich, weil der Isselbusch nicht der einzige Hochwald auf Meerbuscher Gebiet war, der damals gerodet wurde.

Bevor mit dem Einmarsch französischer Revolutionstruppen im Oktober 1794 die Zeit des alten Reiches links des Rheines zu Ende ging, war der Isselbusch über Jahrhunderte unverzichtbarer Teil der Lebensgrundlage der Menschen in Nierst, Kierst, Langst und Ilverich sowie des Klosters Meer gewesen. Denn diese Dörfer teilten sich die Nutzung des Isselbusches. Schon aus den Anfängen der heutigen Besiedlung mit Höfen verschiedener Grundherren entfielen auf diese Einheiten Nutzungsanteile am Isselbusch. Die übrige Bevölkerung durfte in aller Regel in den Büschen abgestorbenes Reisig sammeln um zu heizen und zu kochen.

Um die Nutzung zu regeln gab es sogar ein eigenes Gericht, das sogenannte Holzgeding. Dieses tagte mehrfach im Jahr und bestand aus einer größeren Gruppe Menschen. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1636 geben dazu einen Einblick: Da ist zunächst die Meerer Meisterin als Vorsitzende, die sogenannte "sprechende Holzgräfin".

Natürlich ließ sich die adlige Dame bei diesem Geschäft von ihren Prior Hubertus Reich vertreten, der anschließend auch ein Buch darüber führte, das für das 17. und 18. Jahrhundert erhalten ist. Das Kloster Meer hatte den größten Eigentumsanteil an der Waldfläche.

Als schweigender Holzgraf (Stellvertreter) fungierte ein Adliger, der Junker Maximilian Clapan, der das Recht hatte, einen Protokollanten zu bestimmen, auf dass er aber verzichtete. Weiterhin gehörten dem Geding die "Erben" an, das waren die Pächter oder Besitzer der Höfe mit einem Nutzungsrecht, einem sogenannten Gewald. Die 32 Erben verfügten über 52 Gewälde und kamen überwiegend aus den vier genannten Dörfern. Sie waren Beisitzern vergleichbar.

Am 10. Januar 1636 ist "wegen des kalten winterlichen Wetters [ausnahmsweise] im Münchshoff zu Eilverich das Holtz Gedingh dem alten Herkommen nach gehalten worden". Es verhängte Geldstrafen über Waldfrevler, die sogenannten Brüchten. Darüber hinaus hatte das Buschgericht aber auch viele Aufgaben, die nichts mit Rechtsprechung zu tun hatten. So musste jährlich der Busch in vier Gemarken für die vier Dörfer eingeteilt werden. Ihre zugeloste Gemarke teilten die Erben eines Dorfes dann untereinander sich auf. Dabei konnten sie unterschiedlich viele Gewälde besitzen.

Dadurch, dass sich kein Erbe sicher sein konnte, welche Gewald er im nächsten Jahr erhalten würde, gingen alle möglichst schonend mit ihrem Nutzungsanteil um und beäugten ihre Nachbarn aufmerksam. Auch vier Förster, die offenbar aus den Reihen der Erben bestimmt wurden, achteten sorgsam auf den Wald, der für alle Basis ihres Daseins wart.

Denn jährlich wurde festgelegt, wie viel Bau- oder Brennholz geschlagen werden durfte, um ein Übermaß zu vermeiden. Und die alten - oft in Fachwerk erbauten - Höfe mussten immer wieder ausgebessert werden. In diesem Jahr bat auch der Lanker Pfarrer um einen Baumstamm als Brennholz. Außerdem wurde festgelegt, wie viele Schweine die Dörfer in ihre Gemarke eintreiben durften, denn die Eicheln des Waldes dienten den vielen Tieren als Futter.

Katastrophen bahnten sich dagegen immer dann an, wenn Kriegszüge unser Gebiet berührten, denn nicht selten wurden dann die Waldungen geplündert, um Befestigungen zu bauen sowie Backöfen und Lagerfeuer in Gang zu halten. Mitunter konnten der Wald dann jahre- oder gar jahrzehntelang nur eingeschränkt genutzt werden, um sich zu erholen.

Dies war mit großer Wahrscheinlichkeit bei der Belagerung der Nachbarstadt Neuss durch Karl den Kühnen (1433 bis 1477) von Burgund 1474/75, bei mehreren Belagerungen von Kaiserswerth und zuletzt ganz sicher in der Franzosenzeit in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts so. Heute erinnert an den einstigen Hochewald nichts mehr.

Quelle: RP
 
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