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Wie Geht's, Meerbusch?
Warum mir Hundehalter suspekt sind

Meerbusch. In Meerbusch haben Hunde in dieser Woche ein Reh gerissen. Im Netz streiten sich seitdem Hundehalter und -hasser. Der Konflikt hat langsam Züge einer ideologischen Debatte.

Ich habe nichts gegen Hunde. Als ich noch jünger war, hatten wir selbst mal einen. Tequila war ein zutraulicher Golden-Retriever-Mischling und konnte tolle, aber nutzlose Kunststückchen, zum Beispiel ein Stück Fleisch in Zeitlupe verspeisen. Jetzt haben wir drei Kinder statt eines Hundes und ich muss zugeben: Zunehmend werden mir Hundehalter suspekt.

Wir haben in unserer Zeitung in dieser Woche über Tragisches berichtet: Zwei Hunde haben im Wald Meererbusch ein Reh gerissen. Die Halterin meldete den Vorfall danach gewissenhaft selbst der Polizei. Die Jäger appellierten daraufhin in unserer Zeitung an die Hundehalter, achtsam zu sein. Im Internet entbrannte eine Debatte. Hundehalter schrieben uns, fühlten sich unter Generalverdacht gestellt. Hundehasser wiederum fühlten sich durch das Ereignis bestätigt in ihrer Abneigung gegen die Tiere.

Der Konflikt hat Züge einer ideologischen Debatte - und in Meerbusch wird sie unter besonderen Voraussetzungen ausgetragen: Was Hundehaltung angeht, ist Meerbusch nämlich ein kleines Paradies, sozusagen ein "Bell Dorado", ein liberales Städtchen mit weitgehender Freiheit: Leinen los!

Ohne Zweifel: Es gibt viele Hunde, die auch ohne Leine keinem Rehkitz, nicht einmal einer Fliege was zuleide tun können. Er wolle ja nur spielen, heißt es dann immer. Das Vertrackte aber ist: Woher soll ich als Fußgänger oder scheues, naives und hübsches Reh merken, dass dieser Hund nur spielen will? Was heißt hier überhaupt SPIELEN?

Ich gebe zu, dass ich ein echter Schisshase bin, sobald mich ein kleiner Kläffer sabbernd anspringt. In Gedanken sehe ich ihn schon an meinem Bein klammernd, während ich in der Klinik auf dem OP-Tisch liege. "Herr Doktor, können Sie das da unten wegmachen?" Wenn so ein Hund auf mich zu gerannt kommt, dann stelle ich ihn eben rein aus Selbsterhaltungstrieb unter den Generalverdacht, ein gefährliches Tier zu sein.

Wir leben in einem freien Land. Ich will spazieren gehen, ohne mich anspringen zu lassen. Nicht von einem Menschen, und nicht von zehn Kilogramm Rauhaardackel.

Die weitgehende Leinenfreiheit überträgt Meerbuschs Hundehaltern eine große Verantwortung. Dazu gehört auch, andere Hundehalter anzusprechen, deren Tiere dem Wild auf dem Feld hinterherjagen. Dazu gehört, sich die Frage zu stellen, wie viel Zeit man dem Tier schenken kann, wie intensiv man mit ihm trainieren kann, trotz Leinenfreiheit nicht dem Jagdtrieb zu folgen? Wer das nicht kann, der schaffe sich keinen Hund an, mindestens aber: eine Leine.

Man muss das aussprechen dürfen, ohne von Hundehaltern kritisiert zu werden. Mir ist suspekt, dass manche Hundehalter sofort eine Allianz bilden, erst Recht in Zeiten des Internets, statt die Sünder in ihren eigenen Reihen zu suchen.

Noch einmal: Ich habe nichts gegen Hunde. In dieser Woche habe ich den Ratspolitiker Marc Becker von den Piraten in Osterath zum Interview getroffen. Neben uns saß sein Hund Google, der früher Bob hieß, auf diesen Namen aber nicht hörte, und aufgrund seines großen Suchtalents jetzt eben den Namen einer amerikanischen Suchmaschine trägt. Irgendwann im Gespräch merkte ich, dass mein Portemonnaie nicht bei mir war (was ich später in der Jackentasche wiederfand). Ob es jemand gestohlen hatte, dachte ich kurzzeitig? Nein, wusste ich. Das konnte nicht sein. Google saß ja die ganze Zeit wachend neben mir. Brav! Manchmal eben doch gut, einen Hund bei sich zu haben.

SEBASTIAN PETERS (LIEBE HUNDE MÖGEND)

Quelle: RP
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