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Meerbusch
Weihnachten 2015 — unser Fest des Friedens

Meerbusch. Nach abenteuerlicher, getrennter Flucht aus Kobanê sind Omar und Suher Mohammad in Meerbusch wieder vereint Von Martin Röse

Omar Mohammad hat den rechten Arm um die Schulter seiner Frau Suher gelegt, den linken um seine dreijährige Tochter Maram. Und dann ist da auch noch der jüngste Nachwuchs, gerade einmal zwei Monate alt. Ein Mädchen, das gerne gähnt, wenn es nicht gerade schläft. Oder brüllt. Die vier sehen aus wie der Prototyp einer glücklichen Familie. Kleine Fältchen bilden sich an den Augen des 35-jährigen Familienvaters, wenn er lächelt.

Die Familie hockt zusammengedrängt auf einer Matratze in einer rund 20 Quadratmeter großen Einraumwohnung in der Asylbewerberunterkunft an der Cranachstraße in Büderich. Der größte Teil des Raumes wird vom Doppelbett und den beiden Kinderbettchen in Beschlag genommen. An der Wand stehen ein alter Herd, zwei Schränke - einer silbrig aus Metall, einer aus furnierten Pressspanplatten - und eine weiße Kommode. In der Mitte ein Tisch. Nichts an den Wänden, die wenigen Habseligkeiten sind in Plastiktüten verstaut.

Als Mohammad mit Frau und Tochter noch in Kobanê an der syrischen Grenze zur Türkei lebte, hatte er ein großes Haus und ein Auto, seine eigene Praxis als Tierarzt. Die lag glücklicherweise genau auf dem Weg, den Suher jeden Morgen zur Schule ging. Sie arbeitete als Lehrerin. "So haben wir uns vor sieben Jahren kennen gelernt", sagt Omar, und wieder bilden sich die kleinen Fältchen an seinen Augen und er ergreift die Hand seiner Frau. Der Tierarzt und die Lehrerin verliebten sich. "Wir träumten davon, eine Familie zu gründen, ein eigenes Haus zu haben." Vor gut drei Jahren heiratete das Paar, der Traum ging in Erfüllung - kurz bevor der Albtraum begann.

Der Bürgerkrieg. Die Terrortruppen des Islamischen Staates (IS). Der Kampf um Kobanê zwischen den Truppen des IS und den Kurden. Am 15. September 2014 griffen Einheiten der dschihadistischen Organisation den syrisch-kurdischen Kanton Kobanê an, brachten 300 Dörfer unter ihre Kontrolle, rückten mit Panzern auf die Stadt vor. Kurdische Kämpfer lieferten sich einen Häuserkampf; dabei wurden Haus und Auto von Omar Mohammad zerstört. Er verließ mit Frau und Tochter die Stadt, brachte die Familie bei Verwandten in der Region unter, deutet mit den Fingern an, wie dicht die Geschosse an ihren Gesichtern vorbeipfiffen. "Wir hatten großes Glück. Uns ist nichts passiert." Sicher aber konnte er sich außerhalb der durch die Kämpfe zerstörten Stadt auch nicht sein. "Ob Assads Truppen, der IS, die Freie Syrische Armee oder die kurdischen Milizen - alle suchen wehrfähige Männer zum Kämpfen." Resigniert fügt er hinzu: "Dieser Bürgerkrieg zerstört die Zukunft meines Landes." Wer männlich und zwischen 15 und 40 Jahre alt ist und die Möglichkeit hat, verlässt das Land, um nicht zwangsrekrutiert zu werden.

Die Heimat verlassen in eine ungewisse Zukunft, sich auf eine gefährliche Reise in ein fremdes Land begeben - das wollte er seiner schwangeren Frau nicht antun. Und als er sich am 1. April in Richtung türkische Grenze aufmachte, hatte er noch Hoffnung, dass er bald wieder nach Syrien würde zurückkehren können.

Im Juni erreichte er Deutschland, kam zunächst in eine Erstaufnahmeeinrichtung nach Bielefeld, von dort nach Meerbusch, in die Unterkunft am Neusser Feldweg in Osterath. Dass er dort nachts immer wieder schreiend aufwachte, erzählt er nicht selbst. Das berichten andere Bewohner der Unterkunft. Mit dem Smartphone hielt er Kontakt nach Hause. Und erfuhr, dass die Lage unsicherer geworden war, seit Russland seit September Luftangriffe fliegt. Amnesty International wirft den russischen Luftstreitkräften vor, Streumunition und Bomben ohne Lenksysteme in dicht besiedeltem Gebiet einzusetzen - bisweilen ohne erkennbares militärisches Ziel. Suher nahm ihre Tochter und machte sich auf den Weg zu ihrem Mann. "An der syrisch-türkischen Grenze wurden wir mit Steinen beschmissen", berichtet sie. Das Boot, das sie von der Türkei nach Griechenland bringen sollte, sei gesunken. "Die Küstenwache hat uns gerettet." Ein Mitbewohner von Omar Mohammad erzählt, er habe wie paralysiert auf sein Mobiltelefon gestarrt, sei nicht ansprechbar gewesen, als er seine Frau nicht erreichen konnte. Über Mazedonien und Serbien ging es weiter nach Ungarn. "Die Grenztruppen dort haben uns mit Gewehren bedroht." Durch Österreich kam sie dann per Zug nach Deutschland - und in eine Erstaufnahmeeinrichtung nach Halberstadt in Ostdeutschland. Omar Mohammad wandte sich an Mitglieder des Vereins "Meerbusch hilft"; die konnten - in Zusammenarbeit mit der Meerbuscher Stadtverwaltung - den Behörden vermitteln, dass der Ehemann in Meerbusch auf Frau und Kind warte. Am 15. September konnte Omar Mohammad seine hochschwangere Frau in die Arme schließen - und rund zwei Wochen später ins Lukas-Krankenhaus nach Neuss begleiten. "Dass der Mann bei der Geburt dabei ist, ist in Syrien nicht üblich", sagt er. "Das war eine berührende Erfahrung. Ich habe die Nabelschnur meiner Tochter durchgeschnitten." Aber eigentlich möchte er weniger über sich sprechen, er möchte über die Menschen in Meerbusch sprechen. "Ihnen bin ich zutiefst dankbar. Dass wir hier in Sicherheit leben können und keine Angriffe fürchten müssen, das ist das Wichtigste. Viele Menschen in Meerbusch haben sich großartig um uns gekümmert - das werde ich ihnen niemals vergessen, und ich möchte gerne so viel zurückgeben."

Dass es Vorbehalte gegen Flüchtlinge gibt, hat Mohammad durchaus mitbekommen. "Es gibt ein syrisches Sprichwort", sagt er und hebt seine Hand. "Nicht alle Finger an der Hand sind gleich."

Vor zwei Wochen erfuhr er, dass sein Cousin in Syrien ums Leben gekommen ist. Bei einem Luftangriff der russischen Armee. Amnesty International spricht von rund 200 Zivilisten, die in den Vor wenigen Tagen kamen seine Papiere; jetzt darf Omar Mohammad die deutsche Sprache lernen, am Integrationskursus teilnehmen. Töchterchen Maram kann schon fehlerfrei auf deutsch bis zehn zählen.

Zwei Wünsche habe er, sagt Omar Mohammad. Der erste: "Dass in Syrien endlich Frieden herrscht." Und falls der sich nicht erfüllt: "Schnell die deutsche Sprache lernen, einen Job finden, mich nützlich machen."

Die andere Tochter kräht. Sie hat Hunger. "Wir haben sie Angela genannt", sagt Omar. "Nicht nur wegen Angela Merkel. Sondern auch aus Respekt vor allen Deutschen."

Quelle: RP
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