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Meerbuscher halfen nach Zugunglück
"Die Anwohner waren unbezahlbar"

Zugunglück in Meerbusch - der Tag nach dem Unfall
Zugunglück in Meerbusch - der Tag nach dem Unfall FOTO: dpa, rwe
Meerbusch. Am Tag nach dem Zugunglück in Meerbusch-Osterath berichten die Helfer von den Problemen bei der Rettungsaktion – und loben die Passagiere sowie die Anwohner. Letztere hatten den Rettern den Weg zur Unglücksstelle erklärt. Von Olivia Konieczny

Auf der einen Seite des Bahndamms ein Kartoffelfeld, auf der anderen ein weiterer matschiger Acker. Daneben eine Baumschule mit Tannenbäumen, die in Reih und Glied auf Weihnachten warten. Dazwischen zwei ineinander gekrachte Züge.

Am Morgen nach dem schweren Zugunglück in Meerbusch-Osterrath kreist ein Polizeihubschrauber über der Szenerie. Im Hintergrund rauscht der Verkehr auf der A57, von der Baumschule hört man ab und an eine Säge aufheulen. Ansonsten Stille. Einer der beiden entgleisten, rostbraunen Waggons des Güterzugs hängt quer über die struppige Böschung. Die Güterwaggons waren nicht beladen – wohl einer der Gründe dafür, dass sich hier keine tödliche Tragödie abgespielt hat.

Die Waggons warten darauf, von einem 160 Tonnen schweren Kran auf die Gleise gehievt und anschließend abtransportiert zu werden. Mehrere Polizisten sichern den Unfallort ab. Niemand soll unbefugt über die Gleise laufen oder dem Regionalexpress der Linie 7 zu nahe kommen, der am Dienstagabend in den Güterzug gekracht war und jetzt verbeult und dunkel auf dem Bahndamm ruht.

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"Das wird sicherlich einige Tage dauern"

Für die Presse vor Ort ist Dirk Pohlmann zuständig. Er ist Sprecher der Deutschen Bahn in Nordrhein-Westfalen. "Erst wenn es gelingt, die Wagen wieder auf die Schienen zu heben, können wir sehen, wie groß der Schaden an der Strecke ist", sagt er. Je nachdem, was repariert werden muss, könne es dauern, bis die Strecke wieder freigegeben wird. "Das wird sicherlich einige Tage dauern, wenn nicht länger", sagt Pohlmann.

Nicht weit von der Unfallstelle entfernt liegt ein gepflegtes Wohngebiet. Auf den Feldwegen sieht man Radfahrer und Spaziergänger mit ihren Hunden. Nur vereinzelt bleibt jemand stehen, um mit seinem Handy ein Foto von den verunglückten Zügen zu machen.

Verunglückter Zug in Meerbusch wird geborgen FOTO: Patrick Schüller

Wenige Stunden zuvor stand hier noch ein Großaufgebot an Helfern. Nobuaki Ebisawa lebt rund 600 Meter Luftlinie vom Unfallort entfernt. Als sich das Unglück ereignete, hörte er einen lauten Knall: "Ich dachte, ein Flugzeug sei abgestürzt", erzählt er. Andere Anwohner hätten an ein Erdbeben gedacht. Ebisawa schnappte sich irgendwann den Hund und ging nach draußen. "Da war schon alles voller Rettungswagen und Feuerwehr."

Rund 400 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst, Technischem Hilfswerk, Bundes- und Landespolizei waren insgesamt im Einsatz. Allein 38 Rettungs- und elf Notarztwagen fuhren zur Unfallstelle. Dazu wurden 30 Notfallseelsorger angefordert.

Die Oberleitung war ein großes Problem

Bilder aus der Luft vom Zugunglück in Meerbusch FOTO: Christoph Reichwein

Die Feuerwehr sei zunächst zum Bahnhof Osterrath gefahren und habe dann erst den genauen Unfallort ermitteln müssen, sagte Tim Söhnchen, stellvertretender Leiter der Meerbuscher Feuerwehr, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Stadt Meerbusch am Mittwochmittag. Zunächst konnten die Rettungskräfte die Unfallstelle jedoch nicht betreten: Die Oberleitung war abgerissen und setzte den Zug unter Strom. 173 Menschen mussten in dem Regionalzug ausharren: "Wir konnten erst später unter größtmöglichem Eigenschutz den Zug erkunden", sagte Söhnchen.

Ein weiteres Problem: Die Unfallstelle ist umringt von Feldwegen, was die Anfahrt der Rettungsdienste erschwerte. Nur normale Rettungswagen konnten anfahren, keine größeren Fahrzeuge. "Es war aber keine Person eingeklemmt, sodass wir kein schweres Gerät brauchten", sagte Stefan Meuter, der spätere Einsatzleiter der Feuerwehr.   

Schwerste Verletzung war Oberschenkelbruch

Der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Marc Zellerhoff, lobte bei der Pressekonferenz das Verhalten der Passagiere: "Sie sind außerordentlich ruhig und diszipliniert geblieben." Sie hätten einander geholfen und kleinere Verletzungen teils selbst verarztet. Die Verletzten kämen unter anderem aus Neuss und Kleve; die meisten hätten Prellungen, Schürfungen und Platzwunden davongetragen. Eine Frau habe Brüche im Gesicht erlitten, bei einer anderen Person war die Hüfte ausgerenkt. Die schwerste Verletzung sei ein Oberschenkelbruch gewesen; der Patient habe mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden müssen.

Zellerhoff erklärte auch, warum es unterschiedliche Angaben zu den Verletzten gab: Nicht immer stimme die erste Diagnose vor Ort mit der späteren im Krankenhaus überein. "Wir bitten da um Verständnis." Der Lokführer des Regionalexpresses sei ansprechbar und gefasst gewesen. Er habe den Rettungskräften sofort ein klares Bild der Lage geben können.

Die Einsatzkräfte betonten vor allem die Hilfe der Anwohner: Sie hätten die teils ortsunkundigen Einsatzkräfte eingewiesen. "Die waren unbezahlbar", sagte Meuter. "Normalerweise gibt man ja die Unfallstelle ins Navi ein und findet sie sofort. Hier standen die Anwohner an Feldwegen und haben uns gezeigt, wo es langgeht."

Wie unsere Redaktion erfuhr, stand der Güterzug rechtmäßig auf den Gleisen der Strecke. Der Regionalzug hätte dieses Gleis nicht befahren dürfen. Nun muss geklärt werden, warum der Zug die Strecke dennoch befuhr.

 
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