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Meerbusch
Zweimal Kindheit in Lank-Latum

Meerbusch: Zweimal Kindheit in Lank-Latum
Die Einschulungsklasse der heutigen von Franz-Josef Radmacher von 1947. Radmacher erinnert sich mit gemischten Gefühlen an seine Schulzeit. FOTO: Radmacher
Meerbusch. Früher war alles anders: Thomas Günther, jüngstes Beiratsmitglied im Heimatkreis Lank, und Franz-Josef Radmacher, Vorsitzender des Heimatkreises, schwelgen in Erinnerungen.

Jahrgang 1979 Der Latumer See, die Rottstraße oder das "Gebüsch" - dort haben Kinder, die in den 1980er Jahren in Latum aufgewachsen sind, gespielt. "Wir waren eigentlich immer draußen, waren oft mit den Fahrrädern unterwegs, haben Fußball und Frisbee gespielt oder gingen auf Entdeckungsreise", erinnert sich Thomas Günther. Er selbst, 1979 geboren, ist am Waldweg in Latum aufgewachsen. "Die Rottstraße", sagt er, "war damals eine große, relativ wildwachsende Wiese. Heute gibt's auf diesem Areal umfangreiche Wohnbebauung und einen großen Spielplatz. Dort wurde 2010 sogar '100 Jahre Lank-Latum' gefeiert, aber vor 30 Jahren waren da höchstens mal ein paar Schafe unterwegs."

Obwohl sich der Pressesprecher des Heimatkreises Lank der stetigen und gravierenden Veränderungen bewusst ist, findet er: "Lank-Latum ist für mich der schönste Ort, den es gibt." An dieser positiven Beurteilung haben auch seine Erinnerungen an die Kindheit und Jugend beachtlichen Anteil. An ein Erlebnis, das überraschend zum Abenteuer wurde, erinnert er sich ganz besonders: "Ich war in der zweiten oder dritten Klasse der Pastor-Jacobs-Schule, 1986 oder 1987. Mit Jörg Illies, einem guten Freund spielte ich im 'Gebüsch'. So wurde damals der kleine Waldausläufer am Ende des Waldwegs genannt, ganz in der Nähe des Münks-Hofes." Heute, sagt Günther, sei das Gebüsch komplett zugewachsen. Aber vor circa 30 Jahren war die Sicht noch frei und so entdeckten die zwei in einiger Entfernung einen älteren Jungen: "Seinen Namen kannten wir nicht, aber er war allgemein als 'Rabauke' bekannt." Tatsächlich hatte er wohl gezündelt, denn die Jungs entdeckten wenig später am Ende des Gebüschs einen ausgehöhlten Baum, der brannte. Sie liefen sofort zu Bauer Münks, dessen Hof in unmittelbarer Nähe lag.

Franz-Josef Radmacher stöbert in im Fotoalbum FOTO: Radmacher

Karl Münks, im Oktober 2010 mit 85 Jahren verstorben und als Latumer Original in die Annalen eingegangen, versorgte die beiden jeweils mit einem großen Eimer voller Wasser, schnappte sich selbst einen und lief mit zu dem brennenden Baum. Allerdings war der Brand schon ziemlich weit fortgeschritten, und mit den wenigen Litern Wasser, die sie in ihren Eimern hatten, nicht zu löschen. Karl Münks reagierte sofort, rief die Feuerwehr an. "Das war sehr aufregend und spannend für uns, so nah waren wir bisher noch nie an einem Brandherd oder an einem Löschfahrzeug dran gewesen", erinnert sich Günther. Er und sein Freund durften die ganze Zeit dabei stehen und beim Löschen zusehen. "Wir kamen uns sehr wichtig vor, denn der Einsatzleiter wollte von uns genau wissen, was wir beobachtet hatten." Sie erzählten alles im Detail - bekamen aber auch Ermahnungen darüber, wie teuer so ein Feuerwehreinsatz ist. Natürlich hörten die knapp Zehnjährigen konzentriert zu. Aber sie ärgerten sich auch ein bisschen: "Wir hatten uns nun wirklich nichts vorzuwerfen. Vielleicht dachte der Einsatzleiter, wir hätten den Baum selbst angezündet." Trotzdem bleibt das spannende Feuer-Abenteuer unvergessen. Dafür sorgt auch Tobias. Der siebenjährige Sohn von Thomas Günther möchte die Geschichte jedes Mal hören, wenn er mit seinem Vater mit dem Fahrrad am Ort des Geschehens vorbeifährt. Und das passiert häufig. "Der Baum ist in den vergangenen 30 Jahren komplett auf die Seite gekippt und liegt mehr, als er steht", sagt Günther. "Aber die Brandspuren im Inneren des Baumes sind immer noch zu sehen.

von Monika Götz

Jahrgang 1940 "Heimat ist da, wo man Familie, Freunde, Arbeit und eine vertraute Umgebung hat", sagt Franz-Josef Radmacher, Vorsitzender des Heimatkreises Lank und seit Jahrzehnten in vielen politischen Ämtern in Stadt und Kreis aktiv. Seine Heimat ist Lank-Latum, wo er 1940 im örtlichen Krankenhaus geboren wurde. Schon sein Vater war ein Ur-Lanker. "Ich kann meine Vorfahren über zehn Generationen in Lank zurückverfolgen", berichtet er.

Thomas Günther neben dem Baum, der seine Kindheit prägte. FOTO: Götz

Allerdings kam seine Mutter aus "Börk", wie Büderich auf Platt heißt. Da gab es zuhause durchaus Verständigungsschwierigkeiten, denn manche Begriffe aus dem Lotumer Platt waren in Börk unbekannt. "Auch Sprache gehört zum Heimatbegriff", ergänzt Radmacher. Neben der Familie bestimmten Kirche und Schule seinen Alltag. "Dienstags und freitags war Schulmesse, sonntags Kindermesse und Christenlehre, im Mai jeden Tag eine Maiandacht und in der Schule Religionsunterricht und Katechismus", erinnert er sich. 1947 wurde er zusammen mit 55 anderen Jungen in einer Klasse der heutigen Pastor-Jacobs-Schule eingeschult.

Mädchen hatten natürlich ihre eigene Volksschule. Und auch von den wenigen Evangelischen wurden die Kinder bald getrennt, als im Nebengebäude für diese eine Klasse für alle eingerichtet wurde - mit separaten Pausenhof. An die ersten Schuljahre hat Radmacher keine guten Erinnerungen, denn Lehrer Bein habe jede Menge geprügelt. "Wenn ein Stock dabei kaputt ging, musste ich ihn mitnehmen und von meinem Vater reparieren lassen", erzählt er. Der Lehrer habe aber auch mit Lineal und Winkelmesser geschlagen. "Das war damals eine gängige Erziehungsmethode." Erst als Rektor Caspari die Klasse übernahm, sei er gerne hingegangen.

Und wie sah es damals in Lank-Latum aus? Lank und Latum waren Dörfer, die Bebauung noch nicht geschlossen. "Es gab rund 22 Gastwirtschaften und acht Bäcker", zählt er auf. Wichtig war die "M-Bahn", die von Düsseldorf über die Uerdinger Straße nach Moers fuhr. So erreichten die Menschen ihren Arbeitsplatz.

Besonders im Gedächtnis hängen geblieben sind dem Lanker zwei Unfälle. Ein Milchtransporter war auf der Trasse der Bahn liegengeblieben und wurde von ihr gerammt. "Da sind wir tagelang gucken gegangen." Noch spektakulärer war 1955 die Notlandung eines englischen Verkehrsflugzeugs auf einem Feld am Forstenberg. Wochenlang wurde über nichts anderes gesprochen.

Neben seinem politischen Engagement legte der Berufsschullehrer für seine Heimat auch praktisch Hand an. Als 1980 die Teloy-Mühle saniert wurde, fertigte Radmacher den Dachstuhl für die geschwungene Haube an. "Das war mein Meisterstück", erinnert er sich lächelnd. Radmacher setzt sich zudem stark für den Denkmalschutz ein. "Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, mit dem Forum Wasserturm eine anerkannte Kulturstätte für Lank-Latum zu schaffen." Der Heimatfreund, der auf Reisen vieles von der Welt gesehen hat, wollte nie woanders leben. Mit dem Fahrrad rund um Lank unterwegs zu sein, tue ihm einfach gut.

von Angelika Kirchholtes

Quelle: RP
 
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