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Mettmann
Als es in Mettmann noch zum Himmel stank

Mettmann: Als es in Mettmann noch zum Himmel stank
Hausbesitzer, die ihre Klosetts ohne jede Absprache mit der Stadt an die städtischen Leitungen angeschlossen habe, drohte der Bürgermeister im Jahr 1924 eine Strafe an. FOTO: Stadtarchiv Mettmann
Mettmann. Vor rund 200 Jahren wurden in Mettmann die ersten Rohre für eine Kanalisation verlegt. Schon damals wurde es teurer als geplant. Von Sabine Maguire

Um es schon mal vorwegzunehmen: Bis zum Hals in der Sch..... zu stecken ist eine durchaus gängige Redensart. Man findet sie gewöhnlich dort, wo die Dinge gerade nicht so gut laufen. Das ist auch in Mettmann hin und wieder mal der Fall - allerdings eher im übertragenen Sinne. Meist geht es dabei um Geld oder eben darum, dass selbiges im Stadtsäckel fehlt. Jedenfalls gibt es keinen Grund, die Sache nicht beim Namen zu nennen.

Schaut man 200 Jahre in die Vergangenheit zurück, durfte man das mit den Fäkalien durchaus wörtlich nehmen. Nun gut, vielleicht reichten sie nicht bis zum Hals, sondern nur über den Knöchel. Wir dürfen jedoch getrost davon ausgehen, dass Bürgermeister Peter Wilhelm Feldhof irgendwann genug hatte von dem ganzen Dreck, den er sich ständig von den Füßen putzen musste. Ganz abgesehen von dem Gemecker, das er sich anhören musste, wenn mal wieder jemand in den Hinterlassenschaften versackt war. Die jedenfalls spülte der Regen zuverlässig durch die Innenstadt und es stank bis zum sprichwörtlichen Himmel.

Auch im Mühlenteich (heutiger Jubiläumsplatz) landeten Fäkalien, bis er unter anderem wegen Seuchengefahr zugeschüttet wurde. Die Aufnahme stammt etwa aus dem Jahr 1880. FOTO: Stadtarchiv

Vor allem auf der Lutterbeckerstraße gab es reichlich Klagen, die irgendwann den guten Feldhoff dazu bewogen haben mögen, sich an den Landrat zu wenden. "Der wiederum sollte die Straße pflastern und mit Abflussrinnen versehen, da sich bei dem geringsten Witterungsumschlag umfangreiche Kloaken bilden", lässt uns Heimatautor Ludwig Rasche in der "Medamana" wissen.

Doch, doch - Sie haben das schon ganz richtig gelesen. Wir sind mit unserer Geschichte in übelriechender Vorzeit gelandet, in der es in Mettmann noch keine Kanalisation gab. Wie man sich all das genau vorzustellen hat, wird auch bei intensivem Studium der Chroniken nicht so ganz klar. Keine Kanalisation, keine Toiletten und man verschwindet einfach in irgendeiner Ecke? Ganz so schlimm wird's wohl nicht gewesen sein. Und dennoch bleibt die berechtigte Frage danach, wie menschliche Hinterlassenschaften durch die Straßen gespült werden können. Und wie man sich ein Leben umgeben von Fäkalien vorzustellen hat.

Das Freibad am Freistein wurde durch Fäkalien verunreinigt. FOTO: Stadtarchiv Mettmann

Wir helfen der Vorstellungskraft mit ein paar Details nach, die in der Heimatzeitschrift der Aulen vor beinahe 50 Jahren nachzulesen sind: "Anlieger machen den Bürgermeister erneut darauf aufmerksam, dass es zwischen dem Elberfelder Thor und dem Mettmanner Bach immer kotiger wird. Die ganze Straße wird mehr und mehr ausgehöhlt, wodurch bei nasser Witterung der Kot sich bis zur Unerträglichkeit vermehrt." Und damit war´s noch längst nicht genug. Glaubt man den Überlieferungen aus dem damaligen Bauausschuss, so flossen die Fäkalien von der Neanderstraße über die Freiheitstraße bis zum Jubiläumsplatz. Noch nicht mal vor dem Auge des Höchsten machte der Unrat halt, die evangelische Kirche wurde davon offenbar ebenso regelmäßig heimgesucht wie der damalige Mühlenbach.

"Bei einem kleinen Regenguss häuft sich der Kot zwei bis drei Fuß an und der öffentliche Verkehr ist total gehemmt", ließen die Anwohner der Elberfelder Straße den Bürgermeister wissen. Ihnen ist noch nicht schlecht geworden bei der Lektüre?

Dann machen wir doch einfach noch ein wenig weiter: "Eine Kanalisation würde auch die bessere Fortschaffung der Blutwasser aus den Metzgereien gestatten. Da die Schlachthäuser inmitten des Verkehrs liegen, sind solche Wasser im Sommer durch gesundheitsschädigende Substanzen und im Winter durch eine Bluteisfläche eine Plage für die Nachbarn." An dieser Stelle mag es nicht nur dem geneigten Leser reichen. Auch Bürgermeister Feldhof reichte es offenbar. Im Jahre 1892 lagen die ersten Pläne für den Bau einer Kanalisation auf seinem Schreibtisch. Zwei Jahre später rückte eine Düsseldorfer Spezialfirma an, um zwei Rohre von der Düsseldorfer Straße und von der Bismarckstraße bis zur Breite Straße zu legen.

Um beim Bau keine Überraschungen erleben zu müssen, gab es vom Bürgermeister eine klare Ansage: Die Rohre hatten aus scharf gebranntem Ton zu sein - frei von Rissen, Sprüngen und Blasen. Beim Beschlagen mit einem harten Gegenstand hatten sie hell und klar zu klingen. Nach 24 Stunden im Wasser durften sie keine größere Gewichtszunahme als 2 Prozent des Eigengewichts haben.

Auf der Rechnung standen schlussendlich 31.427 Mark. Das waren beinahe 5000 Mark mehr als geplant - die Stadt klagte und verlor. Ach ja, beinahe hätten wir´s vergessen: Da gab es auch noch diesen Techniker, der als Angestellter der Stadt vom Kanalbauer ein Geschenk angenommen hatte. Er kam glimpflich davon und musste sich fortan verpflichten, angebotene Geschenke auf direktem Wege an die Stadt weiterzuleiten.

In Sachen Kanalisation wurde munter weitergebaut. Derweilen wurde im Jahre 1914 das Freibad am Freistein geschlossen. Schon zuvor hatte der Direktor des Lehrerseminars allen Seminaristen verboten dort zu baden, nachdem es wegen des dort über den Mettmanner Bach angespülten Unrats im Volksmund längst zum "Köttelsbad" geworden war.

Quelle: RP
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