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Mettmann
Als Mettmann im Höhenrausch war

Mettmann: Als Mettmann im Höhenrausch war
Die Mettmanner Bürgermeisterchronik wird im Stadtarchiv aufbewahrt. Die älteste, dort verwahrte Niederschrift stammt aus dem Jahre 1831. Bürgermeister war zu dieser Zeit Friedrich Wilhelm Bartsch. Auch seine Nachfolger schrieben fleißig an der Chronik mit - bis zum letzten Eintrag im Jahr 1910. FOTO: Stadt ME
Mettmann. Auszüge aus der Mettmanner Bürgermeisterchronik bringen Geschichten zum Vorschein, die man heute nicht mehr glauben mag. Ein süßlicher Duft aus den Oldenburger Mooren sorgte für gute Stimmung in der Bevölkerung. Von Sabine Maguire

Es ist beinahe 200 Jahre her. Und im Rückblick muss man es wohl als ein epochales Ereignis verstehen. Der Höhenrausch, in den die Mettmanner verfallen sein sollen, dauerte nur wenige Tage.

Und hätte Bürgermeister Friedrich Wilhelm Bartsch damals - im Jahre 1834 - nicht zum Stift gegriffen, um diesen Rauschzustand schwarz auf weiß zu verewigen, wäre uns diese Gefühlslage wohl kaum zu Gehör gelangt. Schließlich befindet sich die Stadt gefühlt seit Jahrhunderten in einem Strudel negativer Stimmungen. Hochgefühle kommen nur selten auf, der Mettmanner als solcher geht vermutlich als notorischer Zweifler in die Geschichte ein.

Wäre da nicht dieser Lichtblick in besagten Maitagen 1834 - und wer es nicht glaubt, darf gern die alte Chronik aufschlagen. Nun ja, sie ist vielleicht etwas in die Jahre gekommen. Und dennoch legt sie Zeugnis ab über all das, was sich in den Jahren 1830 bis 1910 so zugetragen hat. Was die vorübergehenden Hochgefühle angeht, so gab es dafür - leider - eine ganz simple Erklärung: Ein angenehm süßlicher Duft war von den Moorgegenden Oldenburgs herübergezogen.

Die frühlingshafte Hochwetterlage tat ihr übriges und 200 Kilometer entfernt hatten die Mettmanner plötzlich gute Laune. Im Rückblick bleibt eigentlich nur zu sagen: ein laues Moor-Lüftchen käme uns hier womöglich ganz gelegen. Nach dem Höhenrausch ging´s übrigens munter weiter mit spektakulären Erscheinungen. Man schrieb das Jahr 1835, als Bürgermeister Bartsch an einem kühlen Oktobermorgen aus dem Fenster schaute und einen Kometen an sich vorbeiziehen sah. Der Höhenrausch dürfte längst vergangen gewesen sein, deshalb dürfen wir tatsächlich davon ausgehen, dass die Bürger der Stadt Mettmann zu Zeugen eines kosmischen Stelldicheins geworden waren. In die Analen ging besagter Himmelskörper als "der schöne Haley" ein.

Dagegen muten die regelmäßigen Aufzeichnungen zum wiederkehrenden Nordlicht beinahe lapidar an. Fast könnte man Bürgermeister Bartsch einen besonderen Hang zum Astronomischen andichten - jedenfalls war in der Stadtchronik weder vor noch nach seiner Zeit im Chefsessel von einer ähnlichen Häufung spektakulärer Himmelserscheinungen die Rede.

Ach ja, beinahe hätte wir es vergessen. Die zwei Meter Schnee, die im April 1837 tagelang alle Hauptstraßen verstopften und den "Verkehr" zum erliegen gebracht haben sollen, fielen auch in seine Amtszeit.

Auch das Gemecker des Feudal-Adels, der sich über die mangelnde Arbeitsmoral der Dienstboten beschwerte, mag eher zu den unangenehmen Episoden seiner Amtsgeschäfte gehört haben.

Jedenfalls beklagte man damals einen Mangel an Gesinde und dessen aufmüpfige Gesinnung. "Mit dem fortwährenden Mangel an Dienstboten steigern sich auch die Ansprüche desselben. Es bedarf gar zu häufig eines geringen Anlasses, dass die Dienstboten ungestraft den Dienst verlassen, wann es ihnen gefällt", notierte der Heimatforscher Dr. Karl Klockenhoff in der "Medamana", der Heimatzeitschrift der Aulen Mettmanner. Zum Höhenrausch kam nun also auch noch die Anarchie. Wenn wundert es also, dass es bis hin zur kommunistischen Revolution nicht mehr weit war.

Mittlerweile hatte Heinrich von Rosenthal auf dem Bürgermeisterstuhl Platz genommen und vermutlich hatte er auch die ökonomisch-philosophischen Manuskripte eines Karl Marx gelesen, als er es dann auch noch mit der Mettmanner Bürgerhilfe zu tun bekam.

Offenbar wurde auch in Mettmann über den Einsatz von Dampfmaschinen diskutiert, die den Fabrikarbeiter zunehmend von der Werkbank drängten. Jedenfalls vermerkte das Stadtoberhaupt am 11.11.1845 die Gründung des "Vereins zur Beschaffung billiger Lebensmittel" in der Chronik. Einen Winter lang wurden Kartoffeln, Erbsen und Gerste zu hohen Preisen gekauft, um sie billiger an Notleidende abzugeben. Nach wenigen Monaten war allerdings schon wieder Schluss mit der kommunistischen Phase, der Verein verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Danach ging´s eher unspektakulär - also ohne Höhenrausch, Himmelserscheinungen und Ausflüge in den gelebten Kommunismus weiter, bis Bürgermeister Robert Conradi nach dem letzten Eintrag im Jahre 1910 schließlich die mittlerweile vergilbte Stadtchronik schloss.

Quelle: RP
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