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Mettmann
Angespannt: Pferde ziehen Brotwagen

Mettmann: Angespannt: Pferde ziehen Brotwagen
Das Bild zeigt die letzte Ausfahrt des Brotwagens im Jahr 1960 mit Kutscher Wilhelm Hülssiepen von der Brotfabrik Kirchen.
Mettmann. Vor 300 Jahren erlaubte Kurfürst Jan Wilhelm den Mettmannern die Abhaltung von Pferdemärkten. Es war der Beginn einer langen Tradition bei der niederbergischen Kaltblüterzucht. Von Sabine Maguire

Der Klang ihre Hufe auf dem Pflaster hatte etwas Vertrautes. Gelassen trabten die tiefenentspannten Vierbeiner durch die Straßen - und das nun schon seit Jahrhunderten. Verlässlich gehorchten sie dem Mann auf dem Kutschbock auf ihrem Weg durchs Städtchen. Einige von ihnen taten auf dem Acker ihren Dienst, angespannt vor Egge und Pflug.

Und dann kam es in den 1840er Jahren plötzlich knüppeldick für die Mettmanner Fuhrleute und ihre schnaufenden Kaltblüter. Da hatte doch jemand tatsächlich die Idee, so eine neumodische Eisenbahn durch die Stadt zu schicken. Um Himmels Willen, wo sollte das nur enden? Nicht nur, dass sich mit der pfeifenden Dampflok eine unerquickliche Geräuschkulisse ausbreiten würde. Die Pferdehalter fürchteten auch um ihre Existenz. "Wenn de Iserbahn kütt, dann könne mr dr Haver selwer freeten!", soll einer der Posthalter gesagt haben. Was sich damals im Zimmer des Bürgermeisters abgespielt haben könnte, lässt sich nur erahnen. Aufgebrachte Fuhrmänner dürften sich wohl die Klinke in die Hand gegeben haben. Dazu stapelten sich vermutlich die Klagen auf dem Schreibtisch. Mit aller Macht wollte man "die dort oben" davon abbringen, diesen modernen Quatsch unbedingt auch noch nach Mettmann zu holen. Irgendwann jedoch war der moderne Fortschritt nicht mehr aufzuhalten - und es kam so, wie es kommen musste: Die ersten Schienen wurden verlegt, der Bahnhof wurde gebaut. Die prophezeite Verarmung der Stadt blieb jedoch aus, man richtete sich ein mit der modernen Technik.

An der Elberfelder Straße warteten weiter Vorspann-Pferde, um die Kutschen den steilen Berg hinauf zu ziehen. Immer mehr Menschen zogen nach Mettmann, die Industrie im Städtchen florierte. Man brauchte sie trotz allem, die kräftigen Arbeitstiere mit ihrem Chef auf dem Kutschbock. Noch vor hundert Jahren wurden 473 Pferde im Dienste von Bauern, Kutschern und Reitern gezählt. Und ihre Besitzer gründeten sogar noch den "Pferdeversicherungsverein", um sich gegen ihren Verlust zu schützen. Allein für die Brotfabrik Kircher waren zuweilen 70 Zugpferde unterwegs. Die Firmeninhaber waren selbst Pferdeliebhaber und um das Wohl der Vierbeiner offenbar sehr besorgt. Jeden dritten Tag blieben die Pferde für einen Ruhetag auf der Weide. Im Jahre 1960 war Wilhelm Hülssiepen - Traditionsfahrer der Brotfabrik - zum letzten Mal mit dem Gespann unterwegs. Los ging's wie immer schon in den frühen Morgenstunden, das frische Brot dampfte vermutlich noch im Brotwagen.

Ein besonders inniges Verhältnis zu seinem letzten Arbeitspferd wird dem Pferdehalter Fritz Schlupkothen nachgesagt. Als der fleißige Vierbeiner im Herbst 1968 verendete, folgte ihm sein Besitzer nur wenige Wochen später in den Tod. Eine Ära war auf traurige Weise zu Ende gegangen.

Quelle: RP
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