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Postskriptum: Die Woche in unserer Stadt
Bürgermeister zu lange auf Tauchstation

Postskriptum: Die Woche in unserer Stadt: Bürgermeister zu lange auf Tauchstation
Bürgermeister Bernd Günthers Amtszeit geht offiziell im Herbst zuende, nachdem im September ein neuer gewählt ist. FOTO: Dietrich Janicki
Meinung | Mettmann. Bernd Günther ist ein korrekter Mensch. Eine grundsätzlich nicht störende Eigenschaft für einen Mann, der 2009 zum Bürgermeister der Kreisstadt gewählt wurde. Im Amt kann Korrektheit zur Gabe werden - aber auch zum Fluch. Von Uwe Reimann

Seine korrekte, zurückhaltende Art, Dinge geordnet zu erledigen, hat die Stadt Mettmann die drei vergangenen Wochen ungeschützt in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit herumirren lassen. Anders ist das kaum zu beschreiben, wie die Stadt mit der Kritik an den Grund- und Gewerbesteuerbescheiden, dem Plan der Teilung einer Sporthalle für Flüchtlinge und Schulsport und dem Geldabzug vom Regelsatz der Asylbewerber umgeht. Von Bürgermeister Bernd Günther ist zu allen Punkten drei Wochen lang nichts zu hören gewesen. Keine Erklärung, keine Einordnung, kein Piep.

Sollte es daran gelegen haben, dass Günther im Sommerurlaub weilte und dazu nichts sagen wollte oder konnte, muss doch noch mal an die Korrektheit erinnert werden. Als Fluch, denn ein Stadtchef, der nicht auftritt, wenn die Stadt Mettmann in ganz Deutschland kritisch unter die Lupe genommen wird, handelt falsch. Nämlich gar nicht.

Zu Beginn des Trauerspiels versuchte der Beigeordnete Reinhold Salewski noch die Situation zu entschärfen. Als klar wurde, dass die Verknüpfung von Gewerbesteuererhöhung und Flüchtlingskosten in öffentlichen Briefen sowohl ungeschickt und peinlich als auch so nicht richtig ist, bat er um Entschuldigung in der Hoffnung, dass dann hoffentlich bald wieder Ruhe in der Stadt einkehrt.

Die Stadt, die schon Probleme hatte, eine Treppe am Königshof zu bauen, hat vor allem ein großes Problem: ein Kommunikationsproblem. Im Namen des Bürgermeisters zum Beispiel gibt's gewöhnlich Lob für die Kirmes, pünktlich ein Grußwort zum Jahreswechsel, aber ansonsten wenig Substantielles. Immer schon dachten manche: Mensch, lass' da mal nie was Kritisches in Mettmann passieren. Da weiß dann womöglich keiner mehr weiter. Als die Verwaltungsspitze über die Teilung der KHG-Turnhalle - halb Flüchtlinge, halb Schulsport - nachdachte und dies öffentlich wurde, äußerte sich niemand mehr.

Auf Tauchstation mochte sich jetzt endgültig keiner mehr in der Verwaltung den Mund verbrennen - oder die Kohlen aus dem Feuer holen, wie auf dem Rathausflur gespottet wurde. Die zuständige Fachbereichsleiterin Astrid Hinterthür ist jüngst in den Ennepe-Ruhr-Kreis gewechselt. Jemand, der ihre Aufgabe auch nach außen vertrat: Fehlanzeige. Dafür gab es intern anscheinend keine Regelung.

Inoffiziell behauptete man, den Halb&Halb-Plan habe es nie gegeben. Öffentlich sagte das keiner. Warum? Es schien, als wollte nun endgültig niemand mehr für eine Stadtverwaltung eintreten, deren Bürgermeister sich doch partout nicht äußern wollte. Viele in der Stadtverwaltung sind gelähmt, in der inneren Emigration.

Dieses "Günther-allein-im-Urlaub- und-warum-sollen-wir-dann-was-sagen", kündigte sich lange vor den kritischen Wochen Mettmanns an. Günther lief seit langem in seiner CDU in die politische Sackgasse. Er sollte nicht wieder kandidieren, nur sagen mochte das niemand. Das merkte Günther - und zog seine Konsequenz lange vor dem Dienstende im kommenden September. Er verrichtet korrekt seinen Dienst.

Es bewegt sich nichts in der Stadt, alle wichtigen Themen sind in runde Gesprächsrunden wegdelegiert. Alle warten auf September, wenn ab dann entweder CDU-Kandidat Norbert Danscheidt, Andrea Rottmann (SPD) oder Thomas Dinkelmann (unabhängig) die Stadt führen werden. Solch eine Hängepartie kann sich die Kreisstadt aber nicht erlauben. Sie braucht Führung, eine Perspektive, einer der anstößt und auch schaut, ob Angestoßenes nicht wieder zum Stillstand kommt.

Norbert Danscheidt will nach vorne schauen, doch der Blick ins Jetzt kann auch ihm nicht gefallen. Er würde mit dem Thema Flüchtlinge sicher anders umgehen, sagt er. "Ich würde mich als Bürgermeister gerne selbst in das Thema einbringen und mit den bisherigen Verantwortlichen eine Vorgehensweise zum Umgang mit Presseanfragen abstimmen." Dabei müssten selbstverständlich Verantwortlichkeiten in den Fachbereichen gewahrt bleiben, sagt er. "Da der Bürgermeister aber letztendlich die Verantwortung für die Gesamtverwaltung trägt, muss er insbesondere bei heiklen Themen eingebunden sein", bezieht er klare Position. SPD-Kandidatin Andrea Rottmann blieb lange schweigsam zum Thema. In sozialen Netzwerken äußerte sie sich zu dem geplanten Halb&Halb in der KHG-Turnhalle: Das sei nicht geplant gewesen. In einem Video auf ihrer Kandidaten-Homepage heißt es zum Thema Flüchtlinge wortreich: alles toll. Dazu eine lange Aufzählung, wer sich alles für die Flüchtlinge engagiert. Das mag alles stimmen, nur: Darum geht es nicht. Es geht um das Verhalten von Stadtspitze und Verwaltung. Und da möchte Rottmann ja schließlich hin.

Taumelt Mettmann noch bis in den Herbst hinein orientierungslos weiter? Gründe dagegen gibt's kaum. Mit Korrektheit ist das zumindest nicht zu lösen.

Quelle: RP
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