Kreis Mettmann Der lange Schal von Langenfeld

Kreis Mettmann · SERIE Rekordverdächtig im Kreis Mettmann (3): 1000 Meter Strick in Deutschlandfarben - das soll jemand mal toppen.

SERIE Rekordverdächtig im Kreis Mettmann (3): 1000 Meter Strick in Deutschlandfarben - das soll jemand mal toppen.

Alle zwei Jahre trägt das Langenfelder Rathaus wochenlang einen Schal. Einen Sommerschal. Nicht aus Modebewusstsein, denn das Rathaus steht ja nicht in Düsseldorf, wo die Sommerschal-Dichte rund um die Kö besonders groß ist. Nein, das Rathaus trägt einen dicken Schal in Deutschland-Farben. 20 Meter lang und ungefähr türbreit ist die Strickware. Sie hängt immer dann, wenn eine Fußball-WM oder -EM stattfindet, aus einem Fenster im dritten Stock.

Ursprünglich hätte sich das Rathaus den Schal sogar mindestens zweimal um die Fassade wickeln können, so lang war der. "1000 Meter - der längste Deutschlandschal der Welt", sagt Andreas Voss, der für den Schal von Anfang an die Pressearbeit gemacht hat. 1000 Meter - und das kam so:

Januar 2006, Langenfeld war fast schuldenfrei und ziemlich gut drauf und sein damaliger Bürgermeister noch besser. Da wünschte sich dieser Magnus Staehler in seiner Neujahrsansprache in der Stadthalle einen superlangen WM-Schal. Im Juni sollte er fertig sein, mit Beginn der Fußball-WM im eigenen Land. Dazu muss man wissen: Die Langenfelder und besonders ihr Bürgermeister gaben sich damals nicht mit Peanuts ab. So stand auf dem Marktplatz eine große Pyramide. Und einen Steinwurf entfernt organisierte die Stadt mitten in der City ein Spektakel, für das sich seit jenem Sommer vor elf Jahren der Begriff "Public Viewing" einbürgern sollte. Auf Bürgermeisters Ansprache hin konnten sich die Langenfelder im Rathaus schwarze, rote und gelbe Wolle abholen. Und strickten los. Sie strickten allein, zu zweit und in Gruppen, strickten morgens und abends, des tags und des nachts, strickten langsam und schnell - bis die Nadeln glühten. Schon im April hätte man den Schal einmal um die Wettkampfbahn des Jahnstadions legen können. Und das, obwohl die große "Stricknacht" erst noch bevorstand. Von einem Freitagabend bis zu einem Samstagmorgen strickten 24 Langenfelderinnen in drei Schichten. "Nach der Neujahrsansprache bin ich gleich ins Rathaus gegangen, um mir Wolle zu holen. Und das, obwohl Stricken eigentlich gar nicht mein Ding ist", sagte Helga Kohl, eine der Marathonstrickerinnen, damals. Frauen-Union, Arbeiterwohlfahrt und Hausfrauenbund taten sich besonders hervor und verhalfen dem Schal zu stetem Wachstum. Aber auch viele andere Langenfelder fanden die Idee bestrickend. Insgesamt dürften es laut Voss gut 200 Mitstricker gewesen sein, überwiegend Frauen. So wurden es rechtzeitig vor der WM tatsächlich 1000 Meter. Nachdem der schwarz-rot-gelbe Kilometer ausgiebig bewundert worden war, folgte der zweite Streich: Der Riemen wurde zerstückelt und unter die Leute gebracht. Natürlich für den guten Zweck. Allein die Erdinger Brauerei kaufte zu ihrem 120-jährigen Bestehen ein 120-Meter-Stück für zehnmal 120 Euro. Insgesamt brachte der Schalverkauf 2600 Euro in die Kasse. Sie kamen Organisationen zugute, die Unfallopfern mit Schäden am Zentralen Nervensystem (ZNS) helfen, Menschen mit Behinderung und herzkranken Kindern.

Ein 15-Meter-Stück ging an die Fußball-Nationalelf - als Glücksbringer. "Wir haben es Teammanager Oliver Bierhoff bei einem Vorbereitungsspiel in der Düsseldorfer Esprit-Arena überreicht", erinnert sich Schalke-Fan "Vossi" Voss. "Vor 42.000 Zuschauern. Riesig!"

Ein Reststück von 20 Metern lagerten die Langenfelder ein und holen es seither alle zwei Jahre aus der Mottenkiste. "Solche Aktionen wie unsere, die es ja vielerorts in Deutschland gab, haben mit dazu beigetragen, dass aus der WM 2006 jenes ,Sommermärchen' wurde, von dem ich bestimmt noch meinen Enkelkindern erzählen werde", ist Voss überzeugt.

Und Glück gebracht habe der Schal den Jogi-Jungs ebenfalls: "Seitdem wir ihn aus dem Rathaus hängen, hat die deutsche Mannschaft immer mindestens das Halbfinale erreicht." Seit dem Confed-Cup 2017 gilt dies sogar dann, wenn der Schal nicht aushängt.

(gut)
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