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Mettmann
Die mörderische Suche nach Liebe

Mettmann: Die mörderische Suche nach Liebe
Jürgen Bartsch starb bei der Kastrations-OP. FOTO: Nicolette Bohn
Mettmann. Der Fall Jürgen Bartsch - Teil 2: Der Mettmanner Jugendgerichtshelfer Dietrich Wilke hat den "Kirmesmörder" begutachtet. Die Journalistin Nicolette Bohn hat seine Geschichte später niedergeschrieben.

25. Juni 1966. Es war ein ganz normaler Tag für Dietrich Wilke. Ein bisschen heiß vielleicht, deshalb standen die Fenster des Büros beim Kreisjugendamt offen. Außerdem hatte er gerade mit einem seiner Besucher eine Zigarette geraucht. Auf dem Schreibtisch des Jugendgerichtshelfers stapelten sich die Akten und ein aufreibendes Gespräch mit einem vermeintlichen Handtaschenräuber lag gerade hinter ihm, als plötzlich der Amtsleiter an die Tür klopfte. Wilke hielt seinen Chef für einen Bürokratenfuzzi, der seinen grauen Flanellanzug vermutlich auch im Bett nicht auszieht. Hinter der blauen Akte, die er über den Schreibtisch geschoben bekam, vermutete der Sozialarbeiter mal wieder einen dieser üblichen Fälle.

Als er schließlich die Seiten durchblätterte, war er entsetzt: Dietrich Wilke sollte den später als "Kirmesmörder" in die Kriminalgeschichte eingehenden Serientäter Jürgen Bartsch begutachten. Er hatte den Fall in der Presse verfolgt und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, einem solchen "Monster" gegenüberzusitzen. Und dennoch: Bartsch selbst wohnte damals mit seinen Eltern in Velbert, das Mettmanner Kreisjugendamt war ohne Zweifel zuständig.

"Das Gesetz zur Jugendgerichtshilfe macht auch vor einem wie Jürgen Bartsch nicht Halt", diktierte Wilke der Journalistin Nicolette Bohn vor mehr als zehn Jahren aufs Band. Die Sachbuchautorin hatte sich mit dem mittlerweile pensionierten Sozialarbeiter getroffen, um für ihr Buch "Anwalt des Teufels: Der Fall Jürgen Bartsch". zu recherchieren. Im Mittelpunkt des Geschehens: Dietrich Wilke und sein Gutachten, das später für das Revisionsverfahren herangezogen werden sollte.

Wilke selbst bezeichnete den Fall Jürgen Bartsch als Jahrhundertfall, der ihn vor größte Herausforderungen stellte. Der verheiratete Vater zweier Kinder hatte anfangs noch versucht, die Sache vor seiner Frau geheim zu halten. Sie sollte sich keine Sorgen darum machen, dass ausgerechnet er derjenige war, der in das Leben eines Kindermörders "eintauchen" sollte.

3. Juli 1967: An diesem Morgen saß Wilke zum ersten Mal im Warteraum des Wuppertaler Untersuchungsgefängnisses. Ein kleiner, kahler Raum mit vergilbten Gardinen vor vergitterten Fenstern. Auf dem Tisch standen Plastikblumen und ein Aschenbecher. "Das ist ein sehr netter junger Mörder. Wir wissen nur Gutes über ihn zu berichten", hörte er später auf dem Weg zum Hochsicherheitstrakt von einem Beamten. Bartsch sitze friedlich in seiner Zelle, höre Radio und übe Zaubertricks.

Viele Besuche und Gespräche sollten folgen, bis die Empfehlung des Jugendgerichtshelfers feststand: Wilke forderte therapeutische Behandlung für den "Kirmesmörder" Jürgen Bartsch. Eine Ansicht, mit der der Mettmanner Jugendgerichtshelfer offenbar ziemlich allein dastand. "Aufhängen, Rübe ab: Ich hatte den Eindruck, dass das Urteil schon feststand", erinnerte er sich an den ersten Prozess, der im November 1967 begann.

Erst im Revisionsverfahren vor der Jugendkammer des Düsseldorfer Landgerichts, in dem der Münchener Staranwalt Rolf Bossi die Verteidigung übernommen hatte, kamen auch die psychologischen Hintergründe der grausamen Morde zur Sprache. Jürgen Bartsch stammte aus schwierigen Verhältnissen und war als Kleinkind von einem Velberter Metzgerehepaar adoptiert wurden. Von der einem Sauberkeitswahn erlegenen Mutter mit dem Kleiderbügel traktiert, bei Kunstlicht im Kellerraum eingesperrt und von Gleichaltrigen ferngehalten, er später in einem katholischen Internat sexuell missbraucht.

Erste Mordfantasien überkommen den damals Zwölfjährigen ausgerechnet bei seinem besten Freund: der Versuch, ihn vor einen Zug zu stoßen, um sich später sexuell an ihm vergehen zu können, scheiterte. Mit 15 Jahren lockte er sein erstes Opfer in den Velberter Bunker, drei weitere sollten folgen. Als Dietrich Wilke die "Akte Jürgen Bartsch" nach unzähligen Gesprächen endlich schließen konnte, hatte er darin das Leben eines seelisch schwerkranken, jungen Mannes nachgezeichnet. In der Öffentlichkeit blieb seine Sicht der Dinge dennoch unverstanden. "Ich war froh, als das endlich vorbei war", erinnerte er sich Jahrzehnte später im Gespräch mit der Autorin Nicolette Bohn.

Jürgen Bartsch wurde im Revisionsverfahren zu zehn Jahren Jugendhaft mit anschließender Unterbringung in einer Heilanstalt verurteilt. Er starb aufgrund eines Narkosefehlers während seiner Kastration.

Quelle: RP
 
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