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An(ge-)dacht
Dunkelheit aushalten und nicht verdrängen

Mettmann. Jedes Jahr im Herbst bin ich erstaunt, wie schnell es abends dunkel wird. Nicht nur die bunten, fallenden Blätter oder die anbrechende Kälte sind prägende Zeichen dieser Jahreszeit, sondern auch die kürzer werdenden Tage.

Unser Biorhythmus stellt sich auf das schwindende Licht ein. Viele Menschen ziehen sich in dieser Zeit in gewisser Weise innerlich zurück. Suchen Wärme, Geborgenheit, Gemütlichkeit. Es kommen Gedanken, denen man sonst keine Beachtung schenkt. Das Dunkel lässt nachdenken über Werden und Vergehen. Über das, was bleibt, und das, was man aufgeben muss.

Nicht ohne Grund liegt im Herbst der Gedenktag für alle Verstorbenen. Das Kirchenfest Allerheiligen und Allerseelen ist angehaucht von dieser dunklen Stimmung. Das Licht nimmt ab. Der Abend rückt näher. Auch der letzte Abend unseres Lebens.

Andererseits lassen wir die Dunkelheit kaum an uns heran. Wir haben uns ein Umfeld geschaffen, in dem die ständig brennenden Lampen die Dunkelheit kaum noch zulassen. Es wird von "Lichtverschmutzung" gesprochen - die nicht nur ökologisch zu verstehen sein sollte. Durch die Dauerbescheinung vertreiben wir zusammen mit der Nacht auch die Chance, mit den tieferen Dingen des Lebens in Berührung zu kommen. Es gibt Untersuchungen, dass der Rückgang der Religiosität mit dem Verdrängen der Dunkelheit zusammenhängt. Wer der Dunkelheit ausgesetzt wird, wird sich seiner Endlichkeit bewusst, erkennt die Vorzeichen der letzten Nacht, die uns am Ende alle erwartet. Und nur, wer dieses Dunkel aushält, kann mehr sehen: Nur in der Dunkelheit sieht man die Sterne. Lichter in der Finsternis, die uns Menschen einen größeren Horizont verheißen, etwas, das über diese Welt hinausgeht.

An Allerheiligen kann man etwas von diesem Sinnbild erfahren, wenn man abends auf den Friedhof geht und die vielen Grablichter wie Sterne im Dunkeln leuchten sieht. Dann dürfen wir für uns und unsere Verstorbenen hoffen: "Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst." (Johannes 1,5).

PASTOR SEBASTIAN HANNIG KATHOLISCHE KIRCHE METTMANN

Quelle: RP
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