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Mettmann
Ein Naturmensch mit Widersprüchen

Mettmann: Ein Naturmensch mit Widersprüchen
Renz Waller mit Habicht Medusa. Seine Werke über die Falknerei sind Standardwerke. Waller gründete den Deutschen Falknerorden. FOTO: Neudamm-Verlag
Mettmann. Der Künstler und Falkner Renz Waller lebte viele Jahre in Mettmann. Seine Nähe zu Göring wirft Fragen auf. Von Sabine Maguire

Schaut man auf ein gelebtes Leben, bleiben oft Fragen. Und manchmal auch Irritationen. Vor allem dann, wenn der Mensch nicht mehr lebt, den man hätte bitten können zu erzählen, warum er dieses oder jenes getan hat. Renz Waller wäre so ein Mensch gewesen. Es gibt wunderbare, feinsinnige Seiten an ihm. Er hat sich als Falkner einen Namen gemacht und auch als Tiermaler. Und es gab den Schatten, von dem man nicht weiß, wie man ihn heute - beinahe 40 Jahre nach seinem Tode - der Nachwelt erklären soll. Denn Renz Waller hat nicht nur Falken portraitiert, sondern auch Reichsjägermeister Hermann Göring mit seinem Falken "Komet". Göring war es auch, der beim Maler Waller den künstlerischen Entwurf für ein Tafelgeschirr mit Motiven aus der Falknerei in Auftrag gegeben hatte, um selbiges noch kurz vor Kriegsende von der Sévres-Porzellan-Manufaktur anfertigen zu lassen.

In einem solchen Leben auf Spurensuche zu gehen, ist keineswegs eine leichte Übung. Im Gegenteil: So etwas kann schnell zu einem mit Stolpersteinen gepflasterten Irrweg werden, auf dem man - aus welcher Richtung auch immer - von eisigem Gegenwind erfasst wird. Dennoch sollte all das nicht dazu führen, sich nicht mehr vorzuwagen auf unwegsames Gelände und in die Nähe eines Menschen, der - hätte er in einer anderen Zeit gelebt - womöglich in mannigfaltiger Gesellschaft einen ganz gewöhnlichen Weg gegangen wäre.

Wallers Tierporträts sind etwas ganz Besonderes und haben großen Wert. Hier hat er zwei Bracken gemalt.

Folgt man den Spuren Renz Wallers, so fällt vor allem eines ins Auge: Seine tief verwurzelte Leidenschaft für die Natur und die Malerei. Hineingeboren in eine Familie, die über Generationen hinweg durchströmt war von Künstlerblut, fiel sein kreatives Talent auf fruchtbaren Boden. Schon als Fünfjähriger nahm er immer wieder Stift und Block zur Hand, um seine Sicht der (Tier)Welt aufs Papier zu bringen. Später sollte sich all das zu einer Passion entwickeln, die - womöglich ungeachtet des politischen Umfeldes - einfach weitergelebt wurde.

Aber bleiben wir vorerst beim Künstler Waller und seinem Hang zur Natur. Selten gelingt es einem Menschen, mit eigener Hand so eindrucksvoll Zeugnis davon abzulegen, was ihn bewegt. Versinkt man im künstlerischen Nachlass des Tiermalers, ist eines deutlich zu spüren: Waller war der Tierwelt zugewandt. "Er malte aus Liebe zu den Mitgeschöpfen und um seinen Mitmenschen zu zeigen, dass Tiere eine Seele haben", ist bei seinem Biografen Hugo Richter über ihn zu lesen. Keineswegs jedoch näherte sich Renz Waller dem Naturgeschehen auf eine ausschließlich romantisierende Art und Weise. Die sich in luftigen Höhen abspielenden Dramen der Beizjagd belegen, dass der Künstler immer wieder auch die "Grausamkeiten der Natur" in den Blick genommen hat. Der eigentlichen Jagdmalerei hingegen konnte er nicht allzu viel abgewinnen. "Ihm lag die Jagd mit Pulver und Blei nicht", ist in biografischen Aufzeichnungen über ihn zu lesen.

Was seinen Hang zur Falknerei betrifft, so zählt das aus Wallers eigener Feder stammende Buch "Der wilde Falk ist mein Gesell" noch heute zu den Standardwerken. Als erstem war ihm die Aufzucht eines Wanderfalken in Gefangenschaft gelungen, schon zuvor hatte er den Deutschen Falknerorden gegründet. "Seiner falknerischen Entwicklung stand sicher keine Weltanschauung Pate", glaubt sein Biograf, dass Wallers Ansinnen nicht mit der Falknerei als germanisch-deutsches Volksgut gleichzusetzen sei.

Jahrelang hatte sich Renz Waller für die gesetzliche Zulassung der Falknerei stark gemacht, die dann ausgerechnet in den 1930er Jahren durch die Einführung des "Falknerjagdscheins" Realität werden sollte. Später kam der Reichsfalkenhof in Braunschweig hinzu - ein zentrales Institut zur Ausbildung der Falkner. Sein Biograf Hugo Richter glaubt dennoch nicht, dass Waller trotz seiner Mitgliedschaft bei der NSDAP ein "hundertprozentiger Nazi" gewesen sei: "Dem stand schon allein sein Drang zur Selbstständigkeit entgegen. Zweimal hat er öffentliche Angebote von Göring ausgeschlagen, die ihn zum hauptamtlichen Ordensmeister und Regierungsdirektor gemacht hätten. Es waren ihm sogar eine Dienstvilla, der Professorentitel und ein Atelier samt Malklasse angeboten worden", berichtet Richter von den Geschehnissen rings um die Reichsfalknerei. Waller habe abgelehnt, weil ihm der Beitritt zur SS zur Bedingung gemacht worden sei. Unbestritten bleibt jedoch, dass Waller gemeinsam mit SS-Reichsführer Heinrich Himmler das Gelände für einen Falkenhof ausgesucht hat, der später im KZ Buchenwald errichtet wurde. Inwieweit er Einblick in das Geschehen in einem KZ hatte, ist nicht überliefert. Womöglich wäre das jedoch der Moment gewesen, an dem Waller hätte innehalten und Nein sagen müssen. Spätestens dort hätte er das politische Umfeld nicht mehr ausblenden dürfen zugunsten einer Leidenschaft, die ein Leben lang sein Handeln bestimmt hat. Was bleibt, sind wunderbare Bilder und Texte aus einem der Natur und der Malerei zugewandten Leben - und manch unbeantwortete Frage.

Quelle: RP
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