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SERIE Rekordverdächtig im Kreis Mettmann (7)
Ja, wo läuft er denn?

SERIE Rekordverdächtig im Kreis Mettmann (7): Ja, wo läuft er denn?
Werner Beecker in seiner Sammlung, die inzwischen weitergewachsen ist: Unser Bild stammt aus dem Jahr 2015. FOTO: Olaf Staschik
Kreis Mettmann. Vorige Woche, als Reporter einer Hamburger Tageszeitung Werner Beecker in Haan besuchten, hatte der seine helle Freude. "Sie betraten mein Wohnzimmer", erzählt der 85-Jährige lachend, "und einer fragte spontan: ,Haben Sie hier ein Geschäft?'" Von Gökçen Stenzel

Kein Wunder: Mehr als 2000 Erfolge hat Beecker in seiner 65-jährigen Rad- und Laufkarriere gesammelt, unzählige Trophäen zieren sein Zuhause, es sieht tatsächlich aus wie in einem gut sortierten Laden. Verkauft wird aber nichts, es sollen noch ein paar hinzukommen: 67 deutsche Meistertitel hat der Haaner bisher, die 70 will er vollmachen.

"Das wird ihm schon gelingen", sagt Jörg Reckmeier, beim Deutschen Leichtathletikverband für Senioren zuständig und mit dem Haaner seit 20 Jahren bekannt. "Er hatte immer Ziele, und das kommt seiner Ausdauer zugute." Noch vor zehn Jahren wäre das Phänomen Beecker nicht denkbar gewesen, sagt Reckmeier: Es gab keine 85-Jährigen, die 5000 Meter und mehr liefen. Und wie Beecker von sich selber sagten: So alt fühle ich mich gar nicht. Inzwischen würden die Alten immer fitter, "und ein paar rücken jetzt nach", so Reckmeier. Dann wäre Beecker nicht mehr einsame Spitze, aber noch ist es nicht soweit. Apropos einsam. Oft genug musste sich der Läufer, der als Radrennfahrer begann, in der Altersgruppe der über 70-Jährigen einreihen, weil er in der Gruppe der 85- bis 90-Jährigen allein gewesen wäre. Erlebt hat er das alles schon.

Jeden zweiten Tag absolviert der Rentner sein Lauftraining, hinzu kommt Radeln und Gärtnern. Sein fast 500 Quadratmeter großes Grundstück rund ums Haus hält er alleine in Schuss, wollte und musste die angebotene Hilfe seiner Nachbarinnen bisher nicht in Anspruch nehmen. Motto: Das hält alles fit und dient seinem Sport. Dass er aber nicht nur an sich selber denkt, beweist er in seiner Heimatstadt immer wieder: "Denn er schenkt den HTV-Leichtathleten jedes Jahr für den Haaner Brunnenlauf die Pokale aus seiner riesigen Pokalsammlung", berichtet Herbert Raddatz, Vorsitzender des Stadtsportbundes. "Vor einigen Jahren war Beecker auch HTV-Mitglied, doch er hatte keine Trainingspartner in seiner Altersgruppe, so wandte er sich dem LC Wuppertal zu und startet seitdem für den Wuppertaler Club." Dort fühlt er sich offenbar gut aufgenommen: Ein Sportkollege hat ihn vorige Woche erst zu einem Abendlauf nach Bergisch-Gladbach gebracht und begleitet.

Ehrungen werden ihm schon seit Jahren zuteil. Bei der Haaner Sportlerehrung ist er Dauergeehrter und somit der erfolgreichste Haaner Sportler. Bei der Sportlerehrung des Kreises Mettmann 2011 wurde er vom Landrat zum Sportler des Jahres in der Seniorenklasse ausgezeichnet. Raddatz erinnert eine Anekdote, die er über den Langstreckenläufer gern zum besten gibt: "Vor einigen Jahren bekam er von einer Professorin aus Ottawa in Kanada eine Einladung, um an der dortigen Universität sich testen zu lassen. Die Professorin wollte ihn untersuchen und herausfinden, warum er im Alter von damals mit 80 Jahren Meisterschaften und Rekorde auf den Langstrecken wie am Laufband erzielt. Doch der Langstreckler, der die Strecken von 800 Meter bis zum Marathonlauf wie am Schnürchen läuft, wagte nicht den Flug über den Atlantik. Geschätzt läuft er im Training und im Wettkampf 10.000 Kilometer pro Jahr, doch der Flug über 10.000 Kilometer in zwölf Stunden nach Kanada - das war ihm zu riskant." Nicht nur das: Er hat Flugangst, verzichtet damit auf Starts weit weg. Seit drei Jahren ist Beecker Witwer, war mehr als 60 Jahre mit seiner Frau Gerlinde verheiratet. Die beiden haben drei Söhne und eine Tochter.

Den Start seiner Sportlerkarriere kennen die ebenfalls nur aus Vaters Erzählungen: Nachdem Werner Beecker mit 14 Jahren schwer an Lungentuberkulose erkrankte, riet der Arzt zu leichtem Fahrradtraining, um die Lunge zu stabilisieren. "Wir hatten zu der Zeit, zu Kriegsende, kein Rad", erinnert sich der Senior noch gut, "aber mein Vater sammelte Teile zusammen und baute daraus ein Rad zusammen." Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt auch nur ahnen können, was passieren würde: Der junge Mann, dem die Ärzte nur zwei Jahre Überlebenszeit prognostizierten, infizierte sich schwer mit dem Sportvirus, wollte von da an nur noch Radrennen fahren.

Der Solinger Verein Schwalbe 03 entdeckte schnell das Potential, das in Werner Beecker schlummerte. Ein Sieg folgte dem nächsten, 1955 wurde der damals 23-Jährige Deutscher Meister in der Einerverfolgung über 400 Meter, es folgte der Aufstieg in die Nationalmannschaft. Nach einem Sturz wechselte er ins Lauffach. Nächster Start: die Deutschen Straßenmeisterschaften.

Quelle: RP
 
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