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An(ge)dacht
Notwendige Befreiung zum Leben

Mettmann. Help us! It´s cold", ist auf einem kleinen Biwakzelt zwischen vielen anderen in einem Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen Grenze zu lesen. Dazwischen steht ein kleines Kind. Niedrige Temperaturen und starke Regenfälle setzen den Flüchtlingen zu.

Angesichts der dramatischen Lage der Flüchtlinge an dieser Grenze formulierte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski: "Mitten in Europa spielt sich vor unser aller Augen eine humanitäre Katastrophe ab...".

An den vier Worten: "...vor unser aller Augen...", bleibe ich hängen. Die humanitäre Katastrophe ist ersichtlich, die Hilfsbedürftigkeit der Flüchtlinge mit Händen zu greifen. Ebenso die Überforderung Griechenlands mit dieser Situation. Aber eine Änderung der Flüchtlingspolitik in Europa ist nicht absehbar. Grenzen werden dicht gemacht, über Obergrenzen beziehungsweise Kontingente wird diskutiert, politische Profilierung auf dem Rücken der Notleidenden ausgetragen, um Notleidende geschachert. Zweifellos: Europa steht vor einer der größten Herausforderungen seiner Existenz seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Probleme sind nicht mit den Denkmustern zu lösen, die sie hervorgebracht haben: Eurozentrismus und Egoismus.

Manche europäischen Staaten, vertreten durch ihre Lenker, konzentrieren ihr Denken und Handeln zuerst einmal auf ihre eigenen Interesse und sind sich selbst die Nächsten. Wenn es aus den Fleischtöpfen der EU nichts abzuschöpfen gibt, kochen viele EU-Staaten zunächst einmal ihr eigenes Süppchen. Die Hilfe für die Hilfesuchenden rückt in weite Ferne, wenn es darum geht, den eigenen Wohl-stand zu sichern. - Und nur darum geht's!

Die entscheidende Frage ist, wie der einzelne Mensch dazu frei wird, von sich selbst weg zu sehen und den anderen Menschen als seinen Nächsten, der der Hilfe bedarf, wahr zu nehmen. Es geht also um eine notwendige Befreiung hin zum Mitmenschen.

Einen ersten Schritt dorthin besingt Silbermond in diesen Tagen immer wieder - und das Lied passte gut in ein kirchliches Gesangbuch:

"Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg.

Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck."

Die Hinwendung zum nächsten beginnt damit, den Ballast der Sorgen um den eigenen Wohlstand über Bord zu werfen. Und die dann gewonnene Freiheit drückt sich aus in einer Gelassenheit gegenüber der Sorge, noch mehr besitzen zu müssen. Sie drückt sich aus in Offenheit und Toleranz, wenn Menschen anders denken, leben und glauben als wir es kennen.

PFARRER KLAUS SCHILLING, EV. KIRCHENGEMEINDE METTMANN

Quelle: RP
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