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Lokalsport
Hildener liebt jeden Muskel seines Körpers

Hilden. Nawid Eskandarpour hat sich lange mit Lust im Fitnessstudio geplagt. Jetzt ist der 22-jährige Student der Beste in seiner Gewichtsklasse. Von Ilka Platzek

Nawid Eskandarpour ist eigentlich ein zierlicher junger Mann: 1,72 Meter groß und früher 63 bis 64 Kilogramm schwer. Nach drei Jahren Krafttraining wiegt er um die 76 Kilo und trägt auffällige Muskelpakete mit sich herum, die sich auch unter der Kleidung deutlich abzeichnen. Eskandarpour redet voller Begeisterung über seinen Sport, der bisher nur Eingeweihten bekannt ist. Er macht nicht einfach Bodybuilding, sondern er trainiert für die neuen "Physique-Klassen", die es erst seit 2013 gibt. Dort seien "nicht so extreme Typen gefragt, sondern normale". Und zu dicke Muskelpakete führten eher zur Abwertung durch die Richter.

Michael Behringer, Leiter der Muskelforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, macht selbst Krafttraining und begrüßt die neue Entwicklung im Bodybuilding. "Die Bewertungsrichtlinien dieser neuen Bodybuilding-Klasse zielen ab auf einen sportlich-ästhetischen Gesamteindruck. Vor dem Hintergrund der fatalen Entwicklung, welche der Sport in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, ist diese neue Disziplin ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Behringer.

2013 zog es Nawid Eskandarpour erstmals ins Studio. Der junge Mann mit iranischen Wurzeln hat Abitur gemacht, studiert Maschinenbau und Verfahrenstechnik und hat Freude daran, seinen Körper durch Krafttraining und Ernährung zu formen: "Zuerst habe ich drei- bis viermal die Woche trainiert, aber ohne Plan." Dann hörte er von den neuen Physique-Klassen. "Es wird kein Stringer getragen, sondern eine halblange Badehose, es werden keine Anabolika genommen. Der Strandkörper ist gefragt. Der ist erreichbar - ohne Hilfsmittel", beteuert der angehende Ingenieur.

Behringer gibt ihm Recht: "Die Menge an Muskulatur, die für diese Kategorie erforderlich ist, lässt sich durch hartes Training und eine gesunde Lebensweise erreichen. Leider wird aber auch hier der eine oder andere Athlet in Verlegenheit geraten, doch zu unerlaubten Mitteln zu greifen, um den Muskel-Aufbau zu beschleunigen." Eskandapour ist den harten Weg gegangen, berichtet er: "Zusammen mit einem Freund begann ich, richtig zu trainieren. Wir haben uns gegenseitig motiviert. Irgendwann haben wir gesagt: 2016 gehen wir auf die Bühne. Das war eigentlich nur Spaß."

Weniger spaßig war das intensive Training: "75 bis 90 Minuten täglich, wenn man auf Diät ist, ansonsten 120 Minuten. Jeder hat einen Plan, was er wann trainiert - mal nur die Brust, die Schultern, den Bauch oder die Beine. Andere trainieren täglich alle Partien ein wenig oder Schwachstellen." Eskandarpour trainiert, was ihm gerade Spaß macht. "70 Prozent ist die Ernährung. Alkohol stoppt die Protein-Biosynthese und die ist wichtig für den Muskelaufbau", glaubt er. Deshalb trinkt Eskandarpoureher selten Alkohol, meidet Fast Food und Zigaretten. "Ich dampfe aber", merkt er an, "und trinke auch mal ein Glas Rotwein oder Bier." Seine eiweißreiche Ernährung, ist allerdings ein teures Vergnügen: "3500 Kalorien pro Tag, 600 Gramm Fleisch - mal 30 Tage. Hinzu kommen ein paar Nahrungsergänzungsmittel." Geschätzt 15 bis 20 Euro gibt der Sportler pro Tag für die Ernährung aus. Und er ist ganz stolz auf seinen Titel - Deutscher Meister 2016 in der Physique 1: "Ich habe Fleiß, Disziplin und Arbeit in diesen Titel gesteckt", sagt er, "die goldene Kette, die man mir verliehen hat, trage ich mit Stolz."

"Wer Bodybuilding ernsthaft betreibt, führt in der Regel ein sehr diszipliniertes und gesundheitsorientiertes Leben", weiß Fachmann Behringer, "deshalb wollen die anabolen Steroide so gar nicht zu der Grundidee dieses Sports passen. Nicht zuletzt Steeve Reeves, einer der ersten modernen Bodybuilder und Tarzandarsteller, kritisierte vor einigen Jahren die Entwicklung des heutigen Bodybuildings in einem offenen Brief. Ihm fehle zunehmend der ursprüngliche Gesundheitsgedanke, der einst mit Bodybuilding verknüpft war. Das Training für die Physique-Klasse ist sicherlich näher an dem dran, was sich Steeve Reeves gewünscht hat."

Positiv zu werten sei außerdem, dass eine extreme Definition negativ gewertet werde. Behringer: "Um diese extremen Muskeleinschnitte und Adern zum Vorschein bringen zu können, werden häufig Diuretika eingenommen, wodurch der Körper entwässert. Wird dies negativ bewertet, fällt der Anreiz für diesen Medikamenten-Missbrauch weg."

Eskandarpours Umfeld war anfangs skeptisch. Inzwischen ist er mit vielen anderen Bodybuildern befreundet. Auch seine Freundin trainiert. Was ihn antreibt? "Ich will mir selbst etwas beweisen. Mich treibt es an, wenn andere mich in Zweifel ziehen", sagt Eskandarpour. Er will weiter trainieren - und auf verbotene Substanzen verzichten.

Quelle: RP
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