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An(ge-)dacht
Weihnachtliche Verunsicherung

An(ge-)dacht: Weihnachtliche Verunsicherung
FOTO: Janicki Dietrich
Mettmann. Haben Sie schon Ihren Tannenbaum entsorgt? Sind Sie am Ende heimlich froh, dass Weihnachten mit all dem Stress, mit eng getaktetem Besuchsprogramm und vielen Verpflichtungen vorbei ist?

Vielleicht haben Sie auch die letzten Tage schon Geschenke umgetauscht oder ärgern sich noch über das eine oder andere wohlgemeinte Präsent? Man kann da ja viel falsch machen. Von wegen "Fest des Friedens und der Freude".

Die haben ja keine Ahnung, die solche Sprüche machen, was da alles so abgeht ... Solche Szenen bekomme auch ich als Pfarrer hinter vorgehaltener Hand geschildert, manchmal mit dem fast entschuldigenden Nachsatz "... aber sonst war es eigentlich sehr schön...". Wenn ich die Weihnachtsgeschichte in der Bibel lese, dann ist da auch manches nicht in Ordnung. Das fängt bei der Geburt des göttlichen Kindes an. Die Umstände erscheinen sehr seltsam. Und sehr romantisch ist es da auch nicht zugegangen.

Sehr vertrauenerweckend waren die Hirten im engen Stall sicher nicht. Ob die wirklich so fromm geworden sind? Da sind die Gäste aus dem Morgenland schon eine andere Nummer. Kaum sind sie weg, wird aus Weihnachten zur Zeitenwende eine Fluchtgeschichte. Der Rest spielt dann erst mal in Ägypten, aber nicht in Hurghada am Strand. In der Nähe von Kairo soll die kleine, arme Familie untergetaucht sein.

Und Josef, Verlobter der Maria, Pflegevater des Säuglings, hat viel nachzudenken. Wie ist das mit der Vaterschaft? Was ist los mit diesem Kind? Was wurde da nicht alles gesagt, vorher. Wenn schon für Eltern heutzutage mit einem Kind schlagartig alles anders wird zu Hause ... Was dann erst recht mit Maria und Josef? Fragen über Fragen!

Die Umstände diktieren erst einmal die Stunde, den Tag, die Woche, den Monat. Was da in der Bibel vom Anfang einer neuen Zeit mit diesem Kind zu lesen ist, riecht nicht nach Sensation, ist keine Erfolgsstory eines Helden oder Stars. Es handelt von "Karriere nach unten", redet von Solidarität mit den Armen, spricht von zärtlicher Liebe, von Wehrlosigkeit und auch von Ablehnung und Scheitern.

Ein uraltes Weihnachtslied dichtet: "Zu Betlehem geboren im Stall ein Kindelein, gib sich für uns verloren: Gelobet muss es sein. Und wer dies Kind mit Freuden umfangen ... will, muss vorher mit ihm leiden ... danach auch mit ihm sterben und geistlich auferstehn, das ewig Leben erben, wie an IHM ist geschehn." Vielleicht muss doch so Manches an unserem Weihnachten entstaubt, entsorgt, entrümpelt werden, damit durchscheinen kann, warum und wie Gott Mensch geworden ist, so und nicht anders ...

MSGR. HERBERT ULLMANN, KATHOLISCHE PFARRGEMEINDE METTMANN

Quelle: RP
 
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