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Kreis Mettmann
Wie der Kalkabbau die Natur heute noch prägt

Kreis Mettmann. Die Gruitener Gruben 7 und 10 waren früher Steinbrüche und sind jetzt Naturschutzgebiet. Von Ilka Platzek

Über Jahrzehnte prägte die Kalkindustrie den Haaner Stadtteil Gruiten. Die Rheinkalk GmbH baute von 1899 bis 1966 in dem Gebiet Kalkstein ab. In dem großen Steinbruch arbeiteten zuletzt 250 Menschen. Nach der Einstellung des Abbaus diente er zunächst dem Erhalt des Grundwasserspiegels. Ein Grubensee entstand, der gegen Ende des 20. Jahrhunderts nicht länger mit Grundwasser gespeist wurde und dadurch schnell austrocknete.

Was sollte aus dem Gebiet werden? "Man hat überlegt, hier eine Abfalldeponie anzulegen oder einen Golfplatz", erinnert sich Hans-Joachim Friebe. Der ehrenamtliche Landschaftswächter im Ruhestand war einer der Aktiven der Arbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt (Agnu) Haan, die sich dafür eingesetzt haben, dass Grube 7, ein etwa 60 Hektar großes Gebiet, zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, das die Agnu aktiv pflegt. Jahre später erhielt sie auch den Zuschlag, die kleinere Grube 10 zu pflegen. "Wir haben hier 320 Pflanzenarten, darunter hochwertige Pilze und Flechten, für die sich internationale Fachleute interessieren", weiß Friebe. Ein Student der Uni Bochum schreibt gerade seine Facharbeit über das Leben von Eidechsen in Grube 7, die erst vor wenigen Jahren aus Wuppertal-Vohwinkel nach Gruiten umgesiedelt worden waren. Zwischenstand: Der Population geht es gut. Friebe, der regelmäßig durch die ehemaligen Kalkgruben läuft, veranstaltet auf Anfrage gerne Führungen durch den Gruitener Steinbruch.

Das Biotop, eine Mischung aus Wasser, Wald und Trockenrasen, ist zur Heimat von seltenen, heimischen Orchideen und wilden Möhren, vom Aussterben bedrohten Kröten, Eidechsen, Schmetterlingen und Vögeln geworden. Friebe kann aber auch aus dem Stegreif einen Fachvortrag über Kalkvorkommen und -gewinnung halten: "Unsere Region, das Dornaper Revier, ist eine der bedeutendsten Kalkstein-Lagerstätten in Europa. Hier entstand vor 360 Millionen Jahren aus Muscheln und Korallen ein Kalk-riff." Es reiche "von Gerresheim über Hannover, Berlin bis nach Warschau", doziert er. Der Boden im ehemaligen Abbaugebiet sei "einer der fruchtbarsten Böden in Deutschland, ideal für Getreide und Hackfrüchte", schwärmt der Natur-Liebhaber.

In Gruiten erinnern nur noch die Gruben selbst sowie einige Reste der Produktionsanlagen, etwa das Gerüst des Kalkbrechers, an die vergangene Industriezeit. Und der geologische Lehrpfad des Vereins der Freunde der Mineralogie und Geologie Bergmark Wuppertal auf der Mauer des Doktorhauses im - denkmalgeschützten - Gruiten-Dorf: 30 aufgereihte Felsstücke verdeutlichen am Heinhauser Weg die fossile Vielfalt der Region. Natürlich fehlt auch der Kalkstein nicht, dessen Abbau erst die Voraussetzung schuf, im ehemaligen Steinbruch ein Naturschutzgebiet anzulegen. Erholungssuchende können den Besuch des schmucken Fachwerkdorfs samt Lehrpfad mit einem Ausflug zu Grube 7 verbinden.

In den Nachbarstädten Wülfrath und Wuppertal wird übrigens noch Kalk abgebaut. Rheinkalk holt in Wülfrath Kalk aus dem Boden. "Der Kalkstein, den wir hier abbauen, ist vor 390 bis 330 Millionen Jahren entstanden", erklärt Bernd Becks. Damals lag das Bergische Land noch auf dem Grund des Ozeans, wo sich die Überreste von Korallen und Muscheln ansammelten.

Bernd Becks war 25 Jahre Leiter der Qualitätsüberwachung bei Rheinkalk. Seitdem er in Pension ist, leitet er Führungen und beantwortet Fragen.

Quelle: RP
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