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Weihnachten
Ziemlich beste Freunde

Weihnachten: Ziemlich beste Freunde
Freuen uns auf Weihnachten (von vorne): Mohammed, "Papa" Christoph, Sylvester, Yamo, Kamil und Gebrehns. Den vierten Advent haben wir gemeinsam verbracht. Heute Abend werden wir den Gottesdienst in Mettmann-Süd besuchen. FOTO: Dietrich Janicki
Mettmann. Fünf Flüchtlinge haben in Mettmann eine neue Heimat gefunden. Sie lernen viel und fühlen sich hier wohl. Von Christoph Zacharias

Ich hätte nie daran gedacht, dass ich mit 61 Jahren noch einmal Vater werde. Also nicht Vater im biologischen, sondern eher im übertragenen Sinne. Neben meinen drei leiblichen Kindern hat die Familie Zuwachs bekommen. Um genau zu sein: Fünf Jungs gehören jetzt dazu. Alle sind sehr unterschiedlich. Haben grundverschiedene Wurzeln, eine andere Hautfarbe, sind Christen und Moslems - und doch verstehen wir uns sehr gut.

Sie haben es gemerkt. Es geht um Flüchtlinge, um genau zu sein, um Gebrehns (29) aus Eritrea, um Mohammed (27) aus Syrien, um Kamil (23) aus dem Irak, um Yamo (22) aus Afghanistan und um Sylvester (21) aus Nigeria. Wir sprechen Englisch miteinander und mittlerweile auch ein wenig Deutsch. Denn die Jungs besuchen die wichtigen dreimonatigen Deutschkurse bei der VHS.

Wie hat alles angefangen? Auslöser war wohl das Bild von Aylan, dem kleinen syrischen Jungen, ertrunken auf der Flucht über das Mittelmeer. An diesem Tag, es war Anfang September, beschloss ich, etwas zu tun. Mit meiner Tochter fuhr ich in das Camp an der Laubacher Straße - dort hat die Stadt zwei Turnhallen als Unterkunft umgebaut - und ging in die Halle. Ein junger Mann mit schwarzen Haaren schoss um die Ecke und stand vor mir. Es war Mohammed. Ich fragte ihn, wie ich den Flüchtlingen helfen könne. Es sei sehr kalt im Lager, sagte er auf Englisch und wärmende Decken wären hilfreich.

Ok, also nach Hause, die guten Wolldecken von meiner Mutter aus dem Schrank geholt, ein paar Jacken und Schals eingepackt und dann wieder zurück. Mohammed bedankte sich sehr und ich versprach, am nächsten Tag wiederzukommen. Es war ein Sonntag. Wir fuhren in den Wuppertaler Zoo. Kamil, ein Jeside aus dem Irak, fuhr mit. Er hat miterlebt, wie der IS Menschen aus seinem Dorf tötete und viele in die Berge trieb, wo sie verdursteten oder verhungerten.

In den nächsten Tagen vergrößerte sich die "Familie". Yamo, der seinen Vater vor fünf Jahren bei einem Bombenattentat der Taliban in Kabul verlor, Sylvester, der unter der Schreckensherrschaft des Boko Haram litt und Gebrehns, der nicht mehr unter einer Diktatur leben kann und will. Wir gingen in den nächsten Tagen in die Stadt, hörten beispielsweise beim Open-Air-Konzert mit Miro Schwarzinger und Ernst Ksoll zu, trafen und treffen uns in Gaststätten oder zu Hause zum Meinungsaustausch, gehen auf den Wochenmarkt zum Einkauf. Die Mettmanner sahen und sehen uns. Viel Verständnis und Freundlichkeit kommt uns entgegen.

Der Sonntagnachmittag ist immer gesetzt. Dann treffen wir uns bei mir und essen gemeinsam. Meine Frau kocht stets ein leckeres Gericht. Hühnchen wird bevorzugt.

Mittlerweile hat Gebrehns einen Praktikumsplatz beim Malerbetrieb Nelles bekommen, Kamil arbeitete ebenfalls als Praktikant beim Garten und Landschaftsbetrieb Adolphy mit der Zusage, nach dem Deutschkurs übernommen zu werden. Mohammed (staatenloser Palästinenser aus Syrien) hat die Zusage für einen Praktikumsplatz im Wyndham Garden Hotel, Yamo will in Wuppertal weiter Informatik studieren und Sylvester hofft auf eine Fußballkarriere. Derzeit ist er verletzt. Doch auch er wird einen "normalen" Beruf erlernen. Übrigens: Ahmed, ein anerkannter Flüchtling aus Syrien, arbeitet bei der Firma Martin Preuß.

Wir unternehmen viel und helfen uns. Behördengänge, Arztbesuche und vieles mehr.

Meine Nachbarn schauten nicht schlecht, als sie während meiner Abwesenheit (ich war im Urlaub) auf einmal für sie fremde Menschen (Mohammed und Gebrehns) in meinem Garten sahen, die den Rasen mähten und nach der Post schauten. Die Jungs haben Schlüsselgewalt. Alle sind verschieden: Mohammed, der quirlige, emsige Businessman, Yamo, der zweimal nachfragt, stets überlegt und abwägt, Kamil, der ruhige, bisweilen verschlossene Mann, Gebrehns, ein absoluter Geradeausmensch und Sylvester, unser Vorzeigeathlet und Spaßvogel. Alle sind sehr gut erzogen und gehen respektvoll miteinander um.

Wir werden heute gemeinsam in die Kirche gehen und Weihnachtslieder singen. Den Heiligabend werden wir zu Hause verbringen. Und zwar mit der gesamten Familie. Wir sind zu zwölft. Den Tannenbaum haben wir schon besorgt. Mal schauen, wie ihnen der Kartoffelsalat und die Schlesische Weißwurst (mit Kalbfleisch) schmecken. Alternative Hähnchenkeulen. Es wird das erste Weihnachten für die Jungs in ihrer neuen Heimat werden. Wir sind alle sehr gespannt.

Quelle: RP
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