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Mönchengladbach
Abendessen mit Fremden

Mönchengladbach: Abendessen mit Fremden
Lena, Ines, Alessa, Lena und Felix (von links) in der Wohnung von Felix bei der Nachspeise - einem Apfel-Spekulatius-Tiramisu. FOTO: Marei Vittinghoff
Mönchengladbach. Drei Gänge, drei Küchen, zwölf neue Leute: Das ist die "Kücheninvasion" des Vereins "Kulturkram". Zubereitet wird ein Menü, bei dem jeder Gang in einer anderen Wohnung gegessen wird. Mit wem man isst, bleibt eine Überraschung. Von Marei Vittinghoff

Der Duft von gebratenem Gemüse liegt in der Luft, im Radio singt leise Tracy Chapman und auf dem Küchentisch häufen sich Salat, Bretter und geschnippelte Tomaten. Freitagabend, 18 Uhr, und in der WG-Küche von Lena und Eva laufen die Vorbereitungen für das Abendessen. Humus, ein Auberginen-Dip sowie eine Creme aus Paprika und Fetakäse stehen schon fertig im Kühlschrank - was jetzt noch fehlt, ist das Fladenbrot. Schnell rührt Lena Mehl, Salz, Olivenöl und Wasser in einer Schüssel zusammen und formt kleine Kugeln aus Teig. Bald kommen die Gäste. Zeit also, die letzten Fragen zu stellen: Ist genug zu Essen da? Passt ein trockener oder ein fruchtiger Wein besser zum Brot? Und nicht zu vergessen: Wer wohl überhaupt zu Besuch kommt?

Denn für wen sie kochen, wissen Lena und Eva noch nicht. Lediglich, dass in ihrer WG gleich die Vorspeise gegessen wird, ist klar - der Rest ist ein Geheimnis. Mit Lenas Freund Matthias nehmen die beiden Studentinnen an der "Kücheninvasion" teil. Die Veranstaltung war 2011 eines der ersten Projekte des Vereins "Kulturkram" aus Studierenden der Hochschule Niederrhein und Berufstätigen. Seitdem gibt es jedes Semester einen Termin - 84 Leute haben sich dieses Mal angemeldet: ein Rekord. Das Prinzip: Gekocht wird ein Drei-Gang-Menü, bei dem jeder Gang in einer anderen Wohnung serviert wird. Einmal ist jeder Teilnehmende samt Kochpartner Gastgeber, die anderen beiden Male darf er sich in einer fremden Küche bekochen lassen. Dort ist außer ihm und seinem Partner noch ein weiteres Paar zu Gast: Sechs Leute finden sich also jeweils bei einem Gang an einem Tisch zusammen. Bei drei Gängen lernt also jeder beim Essen zwölf Leute kennen.

19.10Uhr. Es klingelt. "Perfektes Timing", sagt Matthias. Alles ist gedeckt, gespült und gebraten. Hinter der Tür warten Harald und Charlotte, 25 und 23 Jahre alt, Studierende der Sozialen Arbeit. Hände werden geschüttelt, Jacken ausgezogen. Dann geht es in Lenas Zimmer."Es ist alles etwas improvisiert, aber wir sind ja nicht beim ,Perfekten Dinner'", sagt Eva. Genutzt wird, was eben da ist. Und so sitzt man auf drei Stühlen und zwei Schreibtischstühlen an Lenas Schreibtisch, der mit gestreifter Decke, den Kerzen und den Servietten kaum gemütlicher sein könnte. "Schön, dass wir zusammengefunden haben", sagt Harald beim Anstoßen. Und bei Brot und Dip kommen die Gesprächsthemen von ganz alleine. Geredet wird über alles: Mensa-Essen, den Norden, Karneval, Haustiere und die Weihnachtsferien. "Zum Glück habe ich eben bei uns auch noch ein paar Rosen als Dekoration gebastelt", sagt Harald lachend. Und weil jetzt jeder wissen möchte, wie man denn Rosen bastelt, sitzen bald alle mit einem Stück Papier von der Küchenrolle da und folgen gespannt Haralds Anleitung.

20.30 Uhr. Zum Abschied gibt es eine Umarmung, dann geht es weiter. Harald und Charlotte müssen schließlich noch einen Gang in ihrer Wohnung anrichten, Eva und Matthias sich als Koch-Team um die Lasagne für die Hauptspeise kümmern und Lena den Weg zur nächsten Adresse laufen. Die Wohnung, in die Lena geht, ist mit dem Aufdruck "Hier klingeln für die Kücheninvasion" gekennzeichnet. Drinnen, am Holztisch in der WG-Küche, warten Katharina, Sinead, Hauke, Inga, Esther und Shirin mit einem großer Topf Spaghetti und Soja-Bolognese.

Viele hier studieren wie Lena Kulturpädagogik - man kennt sich also schon und kann die Vorstellungsrunde überspringen. Sinead, Esther und Katharina erzählen, dass sie für die Nachspeise einen Käsekuchen, Pfannkuchen und Pralinen gemacht haben. Katharina hat nämlich heute Geburtstag. Alle singen "Viel Glück und viel Segen" und zünden Wunderkerzen an.

22.15 Uhr. Schon wieder heißt es: Weiterziehen. Sich immer pünktlich auf den Weg zu machen ist gar nicht so leicht, wenn man einmal so gemütlich beieinander sitzt. Bei Alessa und Felix, ebenfalls Kulturpädagogik-Studierende, und den weiteren Gästen Lena und Ines, Textiltechnik-Studentinnen, ist es aber nicht weniger familiär. Die Kerzen auf dem Tisch und das gedimmte Licht sorgen mit dem Glühwein und dem Apfel-Spekulatius-Tiramisu sogar für echte Weihnachtsstimmung. Alle sind neugierig. Wer war bei wem? Was gab es zu Essen? 23.45 Uhr. Die Zeit ist durch die vielen Küchen-Wechsel wie im Flug vergangen. Katharina feiert noch ihren Geburtstag - und dahin soll es zum Abschluss des Abends noch gehen.

Quelle: RP
 
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