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Serie Denkanstoss
Abgehängt?

Mönchengladbach. Ich traute meinen Augen nicht. Im Hauptbahnhof Mönchengladbach stehen Gerüste. Soll darin gearbeitet werden? Die ganze Stadt weiß, unsere Bahnhöfe sind in einem schlimmen Zustand. Von Albert Damblon

In den Jahren, in denen nichts getan wurde, vermutete ich, dass die Deutsche Bahn eine außergewöhnliche Idee hat. Sie will in Mönchengladbach einen Nostalgie-Bahnhof errichten. Beispielhaft für das Rheinland soll in unserer Stadt ein Hauptbahnhof wie zur Gründerzeit stehen. Deshalb werden die Kacheln in den Gängen nicht erneuert. So waren sie einmal früher. Der Bahnkunde wird sich daran gewöhnen, dass sie nach 100 Jahren verschmutzt sind. Die Bahn versucht, auf einem Flohmarkt die ursprünglichen Eingangstüren aufzutreiben. Erst dann wird der Bahnhof wieder geschlossen. Bis dahin dürfen wir uns über die Offenheit freuen. Vor 100 Jahren gab es keine leuchtende Anzeigentafel. Deshalb ist es sinnvoll, sie abzumontieren. Dafür hängen wie eh und je die Fahrpläne in Schaukästen, die auch schon von gestern sind. Der Bahnfahrer darf sich mit einer Lupe den Zug selber suchen. Als Gerücht habe ich gehört, dass die Auskunft wieder eingeführt wird. Ein schnauzbärtiger Beamter sucht wie früher in einem Kursbuch die Züge heraus. Sicher begrüßen es viele, wenn die komplizierten Fahrkartenautomaten abgeschafft werden. Solche Geräte gab es vor 100 Jahren nicht. Die Deutsche Reichsbahn stellt extra Kontrolleure mit Pickelhauben neu an. Weil der Hauptbahnhof Mönchengladbach so schön alt aussieht, werden hier bald nur noch Dampfloks verkehren. ICE ist für ihn sowieso ein Fremdwort.

Es hat einmal geheißen, die Deutsche Bahn habe Mönchengladbach abgehängt. Auf den Schienen darf sie Waggons abhängen. Aber lässt sich auch eine ganze Stadt abhängen? Lassen sich Menschen abhängen? Es gibt Menschen in unserer Stadt, die nicht von der Bahn, sondern von der Gesellschaft abgehängt worden sind. Der Erfolg weniger hat sie auf das Abstellgleis geschoben. Mag die Deutsche Bahn abhängen, in einer Stadt mit christlicher Geschichte sollte es verboten sein, Menschen abzuhängen und ins Abseits zu schieben. Zumindest wird im Hauptbahnhof Gladbach gearbeitet.

ALBERT DAMBLON IST SEELSORGER AN ST. BENEDIKT

Quelle: RP
 
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