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Serie Denkanstoß
Abgründe im Wohnzimmer

Serie Denkanstoß: Abgründe im Wohnzimmer
Welche Sorgen mögen Clemens Fränkel geplagt haben, als er dieses Bild malte? Und wie mag es nach Köln gekommen sein, fragt sich Olaf Nöller. FOTO: Olaf Nöller
Mönchengladbach. Ein Ölgemälde bringt dem Rheydter Pfarrer Olaf Nöller die Erkenntnis, dass Fremdenhass und Gewalt in Deutschland immer noch sichtbare Relikte einer düsteren Vergangenheit sind. Von Olaf Nöller

In den 1990er Jahren entdeckte ich auf einem Flohmarkt in Köln ein kleines Ölgemälde, das mich durch sein Thema aber auch die Maltechnik, die an Paul Cézanne erinnert, sehr ansprach. Der Preis war gut, und ich kaufte. Seitdem begleitet es mich. Allerdings muss ich zugeben, dass es nach dem letzten Umzug im Gästezimmer gelandet war - bis zu jenem Tag im Januar, als ich es seit längerer Zeit zur Hand nahm, es aufmerksam betrachtete und dabei auch neugieriger als früher den Namen des Malers wahrnahm: Clemens Fränkel.

Was vor 20 Jahren noch nicht so "mein Ding" war, das machte ich mir jetzt zunutze. Das erste Ergebnis beim "Googeln" war: Just am selben Tag war in der "Main-Post" ein Artikel über diesen Maler erschienen, dessen Vorfahren in Urspringen/Unterfranken gelebt hatten. Bald schon fügten sich weitere Suchergebnisse zu einem Schicksal, das mich schaudern ließ. Clemens Fränkel wurde 1872 in Frankfurt am Main geboren. In München studierte er bei bekannten Lehrern. Mehrfach war er an Ausstellungen des Frankfurter Kunstvereins beteiligt und präsentierte im Münchner Glaspalast. Auch leitete der Künstler eine private Malschule am Starnberger See. 1929 zog er von München in die Nähe von Garmisch.

Im April 1937 meldete der Bürgermeister der Gemeinde Ohlstadt dem Bezirksamt Garmisch, dass sich "der Jude Kunstmaler Clemens Fränkel ... mit seinem Sohne Kurt Oskar Fränkel, geb. am 23.02.09 zu Sibichhausen, heute nach Italien abgemeldet" habe, wo er sich fortan im Wintersportort Cortina d'Ampezzo niederließ. Hier entstanden großartige Gemälde von Gebirgslandschaften. Fränkel unternahm zudem Reisen ans Meer, wo er - wie bei meinem Bild - die Küste bei Capri malte. 1944, die Nazis hatten ihre Schreckensherrschaft inzwischen auch über Norditalien ausgedehnt, wurde der 72-jährige Emigrant von der SS verschleppt. Seitdem gilt er als verschollen. Höchstwahrscheinlich wurde Clemens Fränkel noch 1944 in Auschwitz ermordet...

Ich muss sagen, es steht mir vor Augen, wie der alte Herr, der ein wenig aussieht wie sein berühmter Kollege Max Liebermann, aus dem Haus gezerrt, in einen Lastwagen gepfercht und dann im Eisenbahnwagon - mit vielen anderen - in die Todesfabrik im besetzten Polen geschafft wird. Ich sehe ihn dort bei der Selektion auf der Rampe stehen, von der aus er - auf bloßen Wink eines SS-Arztes - in die Gaskammer getrieben wird... grauenvoll! Mein Gemälde hängt jetzt wieder im Wohnzimmer. Ich betrachte es oft. Es gefällt mir immer noch, aber es tut mir auch weh, um die Hintergründe zu wissen. Weh tut mir aber auch der Hass, der im Internet ausgelebt wird. Ist das nicht das Medium, das zur höheren Bildung und Mündigkeit aller Bürger führen sollte? Aber da blühen auch die Verschwörungstheorien. "Toll-Wutbürger" lassen sich aus, indem sie "Sündenböcke" für eigenen Frust suchen. Politiker, die mit aller Kraft nach humanitären Auswegen in unserer komplizierten und brandgefährlichen Weltlage suchen, werden als "Volksfeinde" beschimpft. Da werden solche als "Gutmenschen" bespöttelt, die kein kaltes Herz haben, und in Deutschland brennen geplante Unterkünfte für Flüchtlinge. Ich denke: "Hatten wir das nicht schon mal? - Die Würde des Menschen, sie bleibt antastbar!"

Quelle: RP
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