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Bernhard Cremer und Thomas M. Classen
Gladbach hängt in den 70er Jahren fest

ADFC: Mönchengladbach steckt in den 70er Jahren fest
Bernhard Cremer (l.) und Thomas M. Classen im Gespräch mit der Redaktion. Oben ein Bild von der diesjährigen ADFC-Fahrradsternfahrt. FOTO: Ilgner, Krause
Mönchengladbach. Die zwei Vorstandsmitglieder des ADFC Mönchengladbach sprechen über die Aussichten für bessere Radfahrbedingungen in der Stadt.

Wir haben das Gefühl, dass Radfahren in Gladbach gerade schwer in Mode ist. Sehen Sie das auch so?

Bernhard Cremer Stimmungsmäßig ja. Aber das bleibt sehr oberflächlich. Von der Politik kommt leider viel zu wenig.

Thomas M. Claßen Es klingt vielleicht witzig, aber die markanteste verkehrspolitische Maßnahme in jüngster Zeit war die Tatsache, dass der Innenhof des Rathauses Abteiberg bald autofrei ist. Das finde ich richtig klasse. Und ich hoffe, dass Gregor Bonin (Anm. der Red.: Gladbachs neuer Baudezernent) sich nicht nur als Hochbaudezernent positioniert, denn die größte Baustelle der Stadt ist der Verkehr.

3 besonders schöne Radtouren durch Mönchengladbach FOTO: Manecke, Garnet

Die Aktion "Stadtradeln" ist vorbei. Wie lautet Ihre Bilanz?

Claßen Wir schauen mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. 577 Teilnehmer und 112.000 gefahrene Kilometer sind sehr positiv für Gladbacher Verhältnisse. Allerdings war das politische Engagement noch etwas dünn. Bei der Eröffnungsveranstaltung mit Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners fehlten uns zum Beispiel ein paar führende Köpfe der GroKo.

Wird Gladbach denn trotzdem wieder an der Aktion teilnehmen?

Radfahrer in Gladbach ärgern sich über schlechte Radwege FOTO: Laura Sandgathe

Claßen Von uns aus ja. Letztendlich muss das aber die Stadt als Veranstalter entscheiden. Vielleicht will die Borussia sich ja nächstes Jahr auch mal beteiligen. Das fände ich toll.

Wie politisch ist der ADFC eigentlich?

Sieben Radtouren rund um Erkelenz FOTO: Archiv

Cremer Sehr politisch. Unsere Hauptaufgabe ist es, bessere Bedingungen für den Radverkehr zu schaffen. Unsere Aktionen, sei es das Stadtradeln oder auch die Sternfahrt, betrachten wir deshalb auch immer als politische Demonstrationen. Sie sollen den Autofahrern zeigen, dass es Radfahrer auch in der Innenstadt und nicht nur auf dem Land gibt. Ich habe Städtebau studiert und sehe das Fahrrad als ideales Verkehrsmittel für die Stadt. Der Flächenverbrauch ist gering, weil nicht so große Parkplätze benötigt werden. Das Fahrrad ist für fast jeden zugänglich, weil es nicht teuer ist und man keinen Führerschein besitzen muss, um es zu fahren. Verkehrslenkende Maßnahmen zugunsten des Radverkehrs sind günstiger als Neubauprojekte für den motorisierten Verkehr. Hinzu kommen noch Faktoren wie weniger Benzinverbrauch und das Plus für die Gesundheit.

Wenn Sie als ausgebildeter Städtebauer auf Gladbach schauen: Ist die Situation für Radfahrer bei uns dramatisch oder nur schlimm?

Cremer Gladbach hängt radtechnisch noch immer in den 70er Jahren fest. Das Radfahren wurde hier sehr lange Zeit nur in den Freizeitbereich eingeordnet. Zu Geschäftsterminen fährt kaum jemand mit dem Rad. Das ist in Städten wie beispielsweise Lübeck oder Bremen viel selbstverständlicher.

Liegt das vielleicht daran, dass Gladbach flächenmäßig sehr groß ist? Von der Innenstadt bis beispielsweise Rheindahlen ist man ja nun mal sehr lange unterwegs.

Claßen Da muss ich widersprechen. Oft funktioniert das Radfahren in großen Kreisen wie Viersen sogar besser. Das liegt daran, dass es dort historisch gewachsene Radverbindungen zwischen den einzelnen Dörfern gibt. Die Kinder fahren mit dem Rad von einem Dorf zum anderen in die Schule und entwickeln so ein ganz anderes Verhältnis dazu. Hier in der Stadt erleben wir gerade einen gegenläufigen Trend: Kinder werden mit dem Elterntaxi zur Schule gefahren, weil den Eltern das Radwegenetz zu unsicher ist. Das ist natürlich fatal.

Suchen wir weiter nach Gründen. Liegt es vielleicht am Geld?

Claßen Laut einer Modellberechnung im sogenannten Nationalen Radverkehrsplan müsste eine Stadt wie Mönchengladbach rund 2,5 bis 4,5 Millionen Euro pro Jahr in den Radverkehr investieren.

Ganz schön viel für eine Kommune, die ihren Haushalt sanieren muss.

Claßen Sicher. Aber ich möchte anzweifeln, ob die Stadt wirklich kein Geld hat. Nehmen wir doch mal das Beispiel Entlastungsspange Odenkirchen (Anm. der Red.: die L 19). Dort sollten fünf Millionen Euro verbaut werden. Zum Glück haben die Bürger dagegen gestimmt. Trotzdem sind dort nun anderthalb Millionen Euro für verkehrsberuhigende Maßnahmen eingeplant. Daran sieht man doch, dass sehr wohl Geld für Verkehrsmaßnahmen da ist.

Es gibt sicher auch eine Menge Fördermittel für den Radverkehr, oder?

Claßen Mit Carsten Knoch (Anm. der Red.: Mobilitätsmanager der Stadt) hat die Stadt zum Glück nun einen hochklassigen Fachmann zur Verfügung, der genau weiß, wo solche Töpfe zur Verfügung stehen. Zurzeit warten wir beispielsweise darauf, dass der Masterplan Nahmobilität erarbeitet werden kann. Auch das ist erst möglich, wenn die Fördermittel genehmigt werden. Es wäre toll, wenn die Stadt es in einigen Jahren schaffen würde, sich für eine Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft der fußgänger- und fahrradfreundlichen Städte erfolgreich zu bewerben. Dann käme man noch an ganz andere Fördertöpfe heran.

Gibt es denn eigentlich regelmäßige Gespräche zwischen dem ADFC und der Stadtverwaltung?

Cremer Das geht eher nach Bedarf. Wir können der Verwaltung oft nützlich sein. Wir bekommen Entwürfe, die wir dann im Vorhinein prüfen dürfen. So erspart sich die Verwaltung unnötige Einwände im Nachhinein.

Claßen Vier Mal im Jahr treffen wir uns im städtischen Arbeitskreis Nahmobilität mit Carsten Knoch. Der Ökologische Verkehrsclub, Pro Bahn und 200 Tage Fahrradstadt sind auch dabei. Diese Gespräche sind sehr gut. Generell haben wir aber ein Problem mit der mangelnden Transparenz der Verwaltung. Informationen werden oft nur spärlich herausgegeben. Wenn wir beispielsweise Verkehrszahlen für bestimmte Straßen haben wollen, müssen wir einen schriftlichen Antrag stellen, eine Gebühr bezahlen und vor allem sehr viel Geduld haben. Wir versuchen beispielsweise schon seit Monaten herauszubekommen, wann und wo die restlichen Fahrradbügel am Minto aufgestellt werden.

Cremer Die Verwaltung ist in den vergangenen Jahren extrem zusammengespart worden. Das ist deutlich zu merken.

Wie viele Mitglieder hat der ADFC eigentlich?

Claßen Etwa 450, inklusive der Familienmitglieder. Der Trend ist positiv: Von 2013 auf 2014 hatten wir eine Steigerung um neun Prozent. Für uns sind das tolle Zahlen, aber eine riesige Macht sind wir damit in der Stadt natürlich nicht.

Abschließend blicken wir mal gemeinsam in die Zukunft. Sehen Sie eine realistische Chance, dass Gladbach irgendwann mal eine Fahrradstadt sein wird?

Cremer Das ist schwer zu sagen. Wir können ja nicht in die Glaskugel schauen. Sicher ist aber: Es braucht viel Zeit. Ein schnelles Umschalten ist vielen zu unbequem.

Claßen Fahrradfreundliche Stadt können wir nur werden, wenn wirklich markante Dinge geschehen. Gregor Bonin könnte dabei, wie schon angedeutet, eine Schlüsselfigur werden. Bisher ist das nicht in Sicht. Ich behaupte, bisher gibt es in Gladbach nicht einen einzigen Radfahrstreifen, der den Anforderungen der ERA von 2010 (Anm. der Red.: Empfehlung für Radverkehrsanlagen) entspricht. Das heißt: 1,85 Meter Breite und korrekte Beschilderung. Außerdem sind viele Einbahnstraßen rechtswidrig noch immer nicht für den Radverkehr freigegeben. Daran arbeitet die Stadt aber gerade mit Hochdruck, und wir sind gespannt, welche Einbahnstraßen demnächst endlich freigegeben werden.

LAURA SCHAMEITAT UND GABI PETERS FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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