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Mensch Gladbach
Alles zu RY - und noch mehr live aus der Glaskugel

Mönchengladbach. Wissen Sie, was Winston Churchill, Karl Valentin, Niels Bohr und Mark Twain gemeinsam haben? Sie alle gelten als Erfinder des Bonmots: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Wer immer es war, er hat Recht.

So schlecht kann die Idee der Bundestagsabgeordneten Gülistan Yüksel nicht gewesen sein, immerhin hatte die Kanzlerin dieselbe: Lieber mal nicht dabei sein, wenn der Bundestag in einer Resolution feststellt, dass es nichts anderes als eine Massenvernichtung war, was die Türken vor 100 Jahren mit den Armeniern gemacht haben. Yüksel hat nun trotzdem Ärger. Denn Erdogans Türkei meuchelt zwar nicht, hält aber gleichwohl deutlich mehr von Sippenhaft als von Demokratie. Drum droht er jetzt - was eh seine Kernkompetenz ist - den deutschen Bundestagsabgeordneten türkischer Herkunft, sie nie wieder in ihre Heimat einreisen zu lassen. Was lernen wir daraus? Je irrationaler jemand ist, desto unmöglicher ist es, sein Verhalten zu prognostizieren. Das ist ja auch der Grund, warum uns der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf wahrscheinlich mehr elektrisieren wird als die Frage, welche Nummernschilder sich die Rheydter demnächst an ihre Autos schrauben werden.

Dazu zwei Fragen und zwei Antworten. Eine kurze und eine halblange. Ist es nicht schwachsinnig gerade jetzt, wo mg + zur einprägsamen Marke werden soll, Menschen zu erlauben, ihr Stadtteil-Süppchen zu kochen? Ja! Und warum könnte es im Rat am Donnerstag trotzdem so kommen? Eben darum. Weil Mönchengladbach tatsächlich längst eine Stadt geworden ist und sich auch so anfühlt. Das Fass bleibt gottlob zu, für alle Zeiten. Darum sollte man die RY-Frage nicht zu mehr machen, als sie ist. Sie hat nicht viel mit Stadtidentität zu tun und ist deswegen schon mal gar nicht eine Gewissensentscheidung. Wenn man kostenneutral ein paar tausend Menschen damit eine Freude machen kann - in Gottes Namen! Anderer Schwachsinn tut mehr weh.

Zum Beispiel das Floriansprinzip. das ja längst zum Markenkern unserer modernen Gesellschaft geworden ist. Menschen in Not aufnehmen? Unbedingt! Am besten in einem Wohlfühl-Abstand von drei Kilometern von meiner Haustür entfernt. Regenerative Energie? Wollen wir haben! Nur nicht als Windrad in Sichtweite, und schon mal gar nicht nicht als Stromtrasse in meiner Nähe. Um die Welt jetten? Klar. Wenn ich im Flieger sitze, höre ich den Lärm ja nicht. Und wenn ich blöderweise in der Nähe eines Flughafens wohne, gründe ich halt eine Bürgerinitiative. Sollen die den doofen Flughafen doch woanders hinbauen. Das Floriansprinzip ist übrigens auch bei Kommunen schwer en vogue. Vor ein paar Jahren wollte Gladbach noch die Start- und Landebahn des Flughafens verlängern und fand es sehr unfreundlich, dass die Nachbarkommunen das torpedierten. Jetzt macht es die Stadt bei der Kapazitätserweiterung des Düsseldorfer Flughafens selbst so. Um selbstredend, sollte das irgendwann noch einmal Thema werden, selbst zu hoffen, dass alle mitziehen, wenn MGL irgendwann mal wachsen soll. Ist das verständlich?Ja. Ist das richtig? Nein.

Prognosen sind gerade bei großen Konzepten schwierig. Weil sie komplex sind, weil es viele Player und noch mehr Hindernisse gibt. Wird das was mit der wachsenden Stadt, die die soziale Schieflage korrigiert, die es in Gladbach seit der Textilindustrie gibt? Jedenfalls stehen die Chancen so gut wie lange nicht mehr. Und jedenfalls ist das Konzept dazu das schlüssigste, was man seit vielen Jahren zu lesen bekommen hat. Wird das was mit dem Seasons mit dem JHQ? In dem Dickicht von zwei Investorengruppen, die gleichzeitig, aber nicht gemeinsam am selben Ziel arbeiten, ist es besonders schwer, die Aussichten einzuschätzen. Vorerst verläuft der Prozess genau so im Zickzack, wie es bei Projekten dieser Dimension fast immer ist. Eine Prognose allerdings ist eine totsichere: Je größer die verpasste Chance desto größer ist an manchen Stellen die Freude übers Scheitern. Schon jetzt frohlocken Grüne und Linke ja - die Fakten ignorierend - , das Sesaons sei tot. Genau so, wie sie es neoliberal finden, wenn Menschen in die Stadt ziehen sollen, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Für manche ist Fortschritt halt bedrohlich.

Letzte Prognose für diese Woche: Jetzt ist Wochenende. Und Europameisterschaft. Dann man los!

Quelle: RP
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