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Serie Gladbacher Lesebuch (8)
Als die Altstadt noch der "Wateser Berch" war

Serie Gladbacher Lesebuch (8): Als die Altstadt noch der "Wateser Berch" war
Nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Wohn- und Geschäftsgebäude wieder aufgebaut. 1950 war das Schlimmste beseitigt. FOTO: Hildegard Kremer
Mönchengladbach. Der Autor wuchs in den 1940er und 1950er Jahren an der Waldhausener Straße auf. Einmal jährlich kam die "Drietkanon von Lüersch Töt". Von Albert Kremer (Texte und Fotos)

Altstadt "Dr Wateser Berch", so nannten wir früher das Gebiet zwischen Alter Markt und Grünewald. Dieses Stückchen Altstadt war in meiner Kindheit meine Heimat und die Nummer 62, das "Pfeifenhaus Kremer", mein Zuhause. Die Waldhausener Straße war Einbahnstraße "von unten nach oben", ein prachtvolles Gelände, um mit dem Tretroller abwärts zu fahren. Das Viereck Gasthausstraße, Heinrichstraße, Aachener Straße und Waldhausener Straße war unsere Rollschuhbahn, und der "Waldhausener Berg" zur Winterzeit, damals gab es noch Schnee, eine unwiderstehliche Rodelbahn. Wir Kinder banden manchmal bis zu sieben Schlitten hintereinander und sausten mit diesem Machwerk auf schnellen Kufen vom Alten Markt bis hinunter zur Heinrichstraße. Ein Vergnügen, das Eltern Sorge machte und manchen Geschäftsleuten ein Dorn im Auge war, weil die glatte Schneefläche die Kunden gefährden könnte.

Asche gegen Rodelglätte, das störte uns aber nicht. Die ganze abschüssige Straße war rechts und links mit hohen Bürgersteigen und vielen Gullys bestückt, eine gute Abwehrmaßnahme gegen abwärts strömendes Regenwasser. Als Anfang der 1970er Jahre die obere Waldhausener Straße in eine reine Fußgängerzone ohne Bürgersteige umgewandelt werden sollte, gab es massive, aber nutzlose Anwohnerproteste. Man befürchtete, dass ohne den Randschutz Keller voll Wasser laufen könnten. Dass der "Wateser Berch" eine geschichtsträchtige Gegend ist, davon zeugt auch ein antikes Fundstück, das wir 1946 beim Wiederaufbau unseres kriegszerstörten Hauses auf dem Hof entdeckten: Ein gemauerter Brunnen. Meine Phantasie bestückte ihn mit antiken Scherben oder wertvollen Talern. Leider war mein Vater realistischer und benutzte das metertiefe Loch als willkommenen Abladeplatz für den zu entsorgenden Trümmerschutt.

Das Pfeifenhaus Kremer an der Waldhausener Straße hatte die Hausnummer 62. Das Bild stammt aus dem Jahr 1939. Fünf Jahre später brannte es nieder. FOTO: Hildegard Kremer

Unser Haus grenzte, wie mehrere andere auch, an zwei Straßen. Der Eingang war an der Waldhausener Straße. Einen Ausgang über eine den Innenhof überspannende "Brücke" gab es von der zweiten Etage hin zur Aachener Straße. Gegenüber, nur eine Straßenbreite entfernt, war die Volksschule. Für meine kleine Schwester und mich nur ein kurzer Weg, aber mit einer unguten Erinnerung behaftet. Ein kleines Mäuerchen trennte Straße und Schulhof. Als Kleinkind durfte ich sicher an Vaters Hand über dieses Mäuerchen laufen, mit viel Spaß und ungestraft. Als Schulkind tat ich es auch, wurde aber zum Rektor Mertens zitiert und mit einem harten Stockschlag auf die rechte Innenhand bestraft, "weil sich das nicht gehört". Das blieb bis heute unvergessen. Weniger tragisch, aber ein Zeichen einer verklemmten Einstellung: Weil mein Schwesterchen eines kalten Wintertages mit einer schlotterigen Trainingshose zum Unterricht erschien, schickte ihre Klassenlehrerin sie mit dem Argument "sich anständig anzuziehen, nämlich mit einem Rock über der Hose", wieder nach Hause.

Das soziale Umfeld war ebenso gemischt wie der bauliche Status der Wohnungen. Petroleum statt Elektrik, Toilette "übern Hof", Kohleheizung, fließendes Wasser nur im Flurbereich, das war in der Vorkriegszeit Standard in vielen Häusern. Einmal jährlich zog ein intensiver ländlicher "Duft" durch die Straße, immer dann, wenn die "Drietkanon von Lüersch Töt" (Grubenentleerung Loers) die Auffangbecken der Plumpsklos reinigte.

Die Mädchen aus der Nachbarschaft Ende der 40er-Jahre auf der Waldhausener Straße. Links ist Hildegard Kremer, die Frau des Autors, zu sehen. FOTO: Hildegard Kremer

Beim Bombenangriff am 19. September 1944 brannte mein Elternhaus bis auf die Grundmauern ab. Wir retteten uns durch den Durchbruch zum Keller des Nachbarhauses, Gaststätte Lütterforst (heute die Kulturküche) über die brennende Kellertreppe ins Freie und sahen von der Kleingartenanlage hinter der Heinrichstraße (heute das Gelände des Gymnasiums am Geroweiher), wie unser Eigentum in Flammen aufging.

Quelle: RP
 
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