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Mönchengladbach
Als für Tiana Pongs Krieg ausbrach

So gedenkt die Region der Opfer in Paris
So gedenkt die Region der Opfer in Paris FOTO: dpa, mjh wst
Mönchengladbach. Die gebürtige Gladbacherin saß mit ihrer Cousine im Stade de France, als Terroristen ein Blutbad in Paris anrichteten. Seitdem denkt sie immer wieder an die Momente, als sie Todesangst hatte. Von Nicole Scharfetter

Eine Woche lang konnte Tiana Pongs kaum essen, schlafen, arbeiten. Geschweige denn für eine Kamera posieren. Eine Woche lang waren da immer wieder diese Bilder, von Polizisten mit Spürhunden, von Soldaten, die maskiert und schwer bewaffnet durch die Straßen patrouillierten, von Menschen, die um ihr Leben rannten. Eine Woche ist vergangen, und ein paar weitere Tage kamen hinzu seit jenem Freitag, den 13., der Tiana Pongs veränderte. Der die Welt veränderte. Das Model gehörte zu jenen 80.000 Menschen, die im Stade de France die deutsche Nationalmannschaft anfeuerten und plötzlich Todesangst hatten.

"Meine Cousine und ich saßen auf der Haupttribüne, fast an der Bande", erzählt sie. Die Atmosphäre im Stadion war toll, erinnert sich Pongs: "Auf jedem Sitz lag eine französische Flagge." Bis sie den ersten Knall hörte. Ab da war nichts mehr in Ordnung. "Ich suchte vergeblich nach Hooligans, die einen Böller gezündet haben", sagt Pongs. Jeder um sie herum tat das. Und jeder wusste, dass etwas nicht stimmte. "Trotzdem blieben alle wie Zinnsoldaten sitzen, wir spielten das Spiel mit." Nach dem zweiten Knall schnappte Tiana Pongs ein paar Bruchstücke vom Telefonat ihres Sitznachbarn auf. Er klang besorgt. Eine Frau, die im ersten Stock eines Cafés war, Menschen, die erschossen wurden, Leichen auf der Straße - so viel verstand Tiana Pongs. "Dann brach das Netz zusammen", sagt die gebürtige Gladbacherin, die verzweifelt versuchte, Gesichter zu deuten. Gesichter der Ordner, Gesichter der Spieler. Das Gesicht des französischen Präsidenten François Hollande, der nicht weit weg von ihr saß und der bald die Tribüne verlassen sollte.

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"Meine Cousine wollte gehen, in der 70. Minute. Ich sagte immer nur: ,Nein, wir bleiben hier'", erzählt Pongs, die große Angst vor einer Massenpanik im Stadion hatte. Zurecht. Denn was sich später vor dem Stadion abspielen sollte, als die beiden Frauen endlich durch den Ausgang kamen, war der Horror. Tiana Pongs versucht seitdem diese Erinnerungen zu verdrängen, zu vergessen, aber sie kommen hoch, immer und immer wieder. Der Moment, als für Tiana Pongs Krieg ausbrach. Wieder ein Knall, und alle Menschen liefen. "Wenn der Scheinwerfer des Hubschraubers auf dich leuchtet und du einfach rennst - das ist Krieg", sagt sie.

Und immer wieder ist da dieses eine Bild: ihre Cousine, die ihre Tasche in der Menge verlor und zu Boden stürzte und Tiana sie anschrie, "dass sie die scheiß Tasche liegenlassen soll." Hinter einer kleinen Mauer versteckten sich die Frauen, weg von der Masse, von hunderten Menschen, die sich alle auf eine schmale Treppe zubewegten. Ein paar Franzosen folgten ihnen, fünf oder sechs Männer. Die Gruppe wusste nicht, was kommen würde, "gefühlt warteten wir alle auf einen Mann mit Maschinengewehr, der gleich losschießen würde", sagt Tiana Pongs. Was sie in diesem Moment dachte, mag sie heute kaum aussprechen. Trotzdem versucht sie in Worte zu fassen, was ihr durch den Kopf ging: "Ich war irgendwie geschützt. Von hinten von der Mauer, von vorne von den Männern", sagt sie. Und: "Ich weiß, dass der Mann, der vor mir kauerte, dasselbe dachte: Wenn jetzt etwas passiert, wird er zuerst getroffen."

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Polizisten und Soldaten brachten ein bisschen Ruhe ins Chaos vor dem Stadion, Tiana Pongs und ihre Cousine versuchten zurück ins Hotel zu kommen. Ohne Dokumente, ohne Geld, ohne genaue Adresse - die stand auf einem Zettel, der in der Tasche lag, die Pongs' Cousine verlor. "Wir hatten nur noch unsere Handys", sagt das Model. Ihr ist es bis heute ein Rätsel, wie sie und ihre Cousine es ins Zimmer geschafft haben, ins 18. Arrondissement, das gleich neben dem elften liegt, dort, wo Terroristen wahllos auf Menschen in Cafés und Restaurants schossen, wo 89 Menschen im Konzerthaus Bataclan starben. "Wir hatten vor jedem Angst, der uns auf der Straße begegnete. Sogar vor den maskierten Soldaten", sagt Pongs. Wie lange die beiden Frauen durch die Stadt irrten, das weiß die gebürtige Gladbacherin nicht mehr, nur dass sie irgendwann im Hotel ankam und ihr unfassbar heiß war. "Ich habe mir die Klamotten vom Leib gerissen und keine Luft mehr bekommen", erinnert sie sich. Dann starrte sie eine gefühlte Ewigkeit gegen eine Wand, während ihr Handy immer wieder klingelte, summte, piepte. Einen Anruf setzte Pongs schließlich selbst ab, zu ihrem zwölf Jahre alten Sohn, der zu Hause in Korschenbroich bei der Oma das Länderspiel verfolgte. "Meine Mutter hat ihn sofort zum Zähneputzen und ins Bett geschickt, als die ersten Meldungen kamen", sagt Tiana Pongs, die mitten in der Nacht einfach nur die Stimme ihres Kindes hören wollte.

Geschlafen haben die beiden Frauen in jener Nacht nicht. Und als am frühen Samstagmorgen ein Anruf der Polizei kam, dass die Tasche samt Dokumenten gefunden wurde, "wollten wir einfach nur so schnell wie möglich weg aus Paris", sagt Tiana Pongs.

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Eine Woche verging, ein paar Tage kamen hinzu, und je mehr Tage vergehen, umso mehr Normalität kehrt ein. Und trotzdem denkt Tiana Pongs nicht daran, bald wieder ins Stadion zu gehen oder in ein Konzert oder ein größeres Restaurant. "Ich finde es eine Frechheit, dass diese Leute mir das nehmen", sagt Tiana Pongs. "Zumindest haben es die Terroristen für den Moment geschafft." Tiana Pongs will kämpfen, wieder dorthin, wo sie vor dem 13. November 2015 war. Sie macht kleine Schritte, hat wieder einen ersten Modeljob angenommen, in London. Auch wenn ihr mulmig dabei ist. "Irgendwie geht das Leben weiter", sagt Tiana. Und ohne Luft zu holen fügt sie hinzu: "Ich kann diesen Spruch nicht leiden."

Quelle: RP
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