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Serie Denkanstoss
Angst essen Seele auf

Mönchengladbach. Die Angst vor Terror darf den Alltag nicht bestimmen, sagt Martina Wasserloos-Strunk, Sprecherin des Gladbacher und Neusser Kirchenkreises. Die Freiheit muss das höchste Gut der Gesellschaft bleiben. Von Martina Wasserloos-Strunk

Nein. Ich schreibe nichts über Terror. So weit kommt das noch - dass ich mir von den Radikalen die Feder führen lasse. "Angst essen Seele auf" - das wissen die. Damit kriegen sie uns. Und das will ich nicht.

Ich finde das Zeichensetzen nach dem letzten Freitag beeindruckend - aber ich glaube nicht, dass es damit getan ist, Facebook-Seiten mit der Trikolore einzufärben und Eifeltürme bei "WhatsApp" zu verschicken. Das ist - so hat es ein Politikwissenschaftler im Radio gesagt - auch so etwas wie Pfeifen im Keller.

Nein - wir müssen auch noch auf andere Weise demonstrieren - unsere Werte, uns selbst ernst nehmen und genau so weiter machen wie bisher. Wie auf einem Plakat, das ich gesehen habe: "Wer sagt, nach dem 13.11.2015 ist alles anders, hat nicht recht! Nach dem 13.11.2015 darf nichts anders sein!"

Das finde ich auch. Das "anders" beginnt im Kopf: Wenn ich zögere, in ein Fußballstadion zu gehen, wenn ich überlege, ob in diesem Jahr der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt wirklich ein guter Plan ist, wenn ich ein ungutes Gefühl dabei habe, wenn meine Kinder auf Reisen sind.

Dann hat sich etwas geändert. Dann haben sie meine Freiheit eingeschränkt. Dann beginnt die Angst, die Seele zu erobern. Ein Franzose, der seine Frau bei dem Terroranschlag in Paris verloren hat, hat es so gesagt: "Die bringen mich nicht dazu, sie zu hassen! Das wäre eine gemeinsame Ebene - und ich will keine gemeinsame Ebene!" Beeindruckend. Beklemmend. Konsequent.

Wenn wir selbst nicht mehr daran glauben, dass unsere Freiheit unser höchstes Gut, die Menschenwürde unantastbar und die Demokratie das Beste aller politischen Systeme ist - ja, wer soll es denn sonst glauben? Mit Angst und Hass begeben wir uns auf die Ebene, die die Fanatiker uns aufzwingen wollen.

Deshalb müssen wir leben, was wir glauben. Angstfrei und überzeugt.

Deshalb haben martialisch bewaffnete Polizisten im Stadtbild von Paris, Berlin oder München auch nichts mit der Einschränkung unserer Freiheit zu tun. Im Gegenteil - es ist ihr demonstrativer Schutz. Ungewohnt - sicher, aber auch beruhigend.

Deshalb ist das Absagen von Fußballspielen so eine Sache: Klar geht die Sicherheit vor, und klar sollen das die Profis beurteilen und entscheiden. Aber Alltag darf es nicht werden. Ich weiß, dass das nicht leicht ist. Ich merke es ja selbst. Man kann irgendwie nicht beschließen, keine Angst zu haben. Aber wir können beschließen, uns davon nicht beherrschen zu lassen! Lassen wir die Verbrecher und ihre kranke Ideologie keine Macht über uns gewinnen. Nicht über unsere Vielfalt, nicht über unsere Freiheit und nicht über unsere Seelen.

Quelle: RP
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