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Mönchengladbach
Anonyme Mächte bedrohen Individuum

Mönchengladbach: Anonyme Mächte bedrohen Individuum
Wachleute mit Sonnenbrille und Hut konfrontieren Josef K. (David Quade) in der Inszenierung des Hugo-Junkers-Gymnasiums mit seltsamen Anschuldigungen. Albtraumhafter Ausgangspunkt des Stücks "Der Prozess". FOTO: Jörg Knappe
Mönchengladbach. Der Literaturkurs der Q1 am Hugo-Junkers-Gymnasium überzeugt mit einer Aufführung von Franz Kafkas "Prozess". Jemand musste Josef K. verleumdet haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Prokurist Josef eines Morgens völlig unerwartet von zwei skurrilen Wächtern verhaftet wird. Von Sebastian Eussem

Doch wieso? Er ist sich keiner Schuld bewusst und läuft Sturm gegen eine undurchschaubare, für ihn nicht greifbare Obrigkeit, die ihm zunehmend zu schaffen macht. Die bürokratischen und anonymen Mächte lassen Josef K. am Ende resignieren.

Der Roman-Klassiker von Franz Kafka wurde am Montag vom Literaturkurs der Q1 unter der Leitung von Angelika de Clerque in der Aula des Gymnasiums in einer selbst arrangierten Bühnenfassung aufgeführt. Der Roman Kafkas, der nach langjähriger Bearbeitungszeit 1925 vollendet worden war, stellte die Schauspieler aufgrund der teils antiquierten Sprache und verschachtelten Sätze vor einige Probleme, wie Tim Quade, einer der beiden Darsteller des Protagonisten Josef K., nach der Premiere berichtete: "Den Text zu lernen, war wirklich das größte Problem, die Rolle und das Stück insgesamt finde ich sehr interessant." Die Romanfigur Josef K. halte vielen Menschen einen Spiegel vor: "Jeder kann sich eigentlich mit der Figur identifizieren, denn jeder Mensch kann ungerechtfertigterweise vor Gericht gestellt werden."

So gab das Schicksal der Hauptfigur dem einen oder anderen Zuschauer sicherlich zu denken, wie es sich die Leiterin des Kurses, Angelika de Clerque, zu Beginn des Stücks bei ihrer Ansprache ans Publikum auch erhofft hatte: "Ich wünsche Ihnen keinen erfreulichen, aber einen nachdenklichen Abend." Erfreuen konnte die Regisseurin sich während und nach der Aufführung trotzdem: Ihre Schützlinge schafften es, dem Roman einen modernen und dabei durchaus unterhaltsamen Anstrich zu geben, ohne sich - wie De Clerque als Linie vorgegeben hatte - "von Kafka zu lösen. Denn dann wird man ihm und dem Roman nicht gerecht."

Nach Tim Quade spielte David Kaffka im zweiten Teil der Inszenierung den Josef K. Und beeindruckte, wie im übrigen auch andere Schauspieler, in der textlich extensiven und keineswegs leicht zu gestaltenden Rolle des Angeklagten. "Es hat Spaß gemacht und ist insgesamt super gelaufen", sagte er. Auch wenn David bisher noch über keinerlei Theatererfahrung verfügte, "musste ich bei meinem Namen (Kaffka) einfach die Hauptrolle spielen", betont er mit einem Augenzwinkern. Aus Sicht der Lehrerin hatte es vor drei Wochen allerdings noch nicht nach einem reibungslosen Ablauf ausgesehen. "Wir standen kurz davor, das Projekt abzusagen. Doch dann haben die Schüler alles aus sich rausgeholt und sehr toll daran gearbeitet. Sie haben es super hingekriegt", lobt Angelika de Clerque.

Das ergänzte Ende des Stücks schlägt eine Brücke in die Gegenwart und verleiht dem Stück damit aktuelle Brisanz. Zuschauer können sich am heutigen Mittwoch erneut ein Bild von diesem Schluss und dem gesamten Schauspiel machen. Ab 19 Uhr wird "Der Prozess" dann zum zweiten Mal aufgeführt.

Quelle: RP
 
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