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Mönchengladbach
Antwort auf seelische Not von Jugendlichen

Mönchengladbach: Antwort auf seelische Not von Jugendlichen
Jessica Plücken, Psychologiestudentin aus Mönchengladbach, hilft Jugendlichen bei Problemen - zum Beispiel bei zwanghaftem Ritzen. FOTO: Ilgner/Gabriel
Mönchengladbach. Die Mönchengladbacherin Jessica Plücken ist als hundertste ehrenamtliche Online-Beraterin bei "Jugend-Notmail" im Einsatz. Von Angela Rietdorf

"Ich ritze mich jetzt schon mehrere Jahre und ich brauche dringend wirksame Tipps dagegen", schreibt Svennyrose. "Ich habe Angst, in der Öffentlichkeit oder mit "fremden" Personen zu essen. Ich hab dies seit ein paar Monaten und es ist schrecklich", schreibt Anonym111. Diese und viele andere Hilferufe finden sich im Forum des anonymen Beratungsangebots Jugend-Notmail. Jessica Plücken, 28-jährige Psychologiestudentin aus Mönchengladbach, ist eine der Moderatorinnen des Forums. "Selbstverletzung oder Essstörungen gehören zu den klassischen Problemen der Jugendlichen, aber auch Depressionen, Mobbing oder Schwierigkeiten in der Familie", zählt sie auf.

Jugend-Notmail bietet zwei Möglichkeiten - beide anonym und kostenlos. Kinder und Jugendliche können im Forum ihre Probleme darstellen und bekommen Antwort von den Beratern, aber auch von anderen Forennutzern. Oder sie erhalten eine Einzelberatung per E-Mail. Jessica Plücken, im Mai dieses Jahres als hundertste ehrenamtliche Beraterin an den Start gegangen, macht beides: Sie schreibt Beiträge im Forum, berät aber auch per E-Mail. Der Bedarf an Beratung, Hilfe und Unterstützung ist riesig.

"Vor gut zwei Jahren noch mussten wir die Beratungsplattform häufig schließen, da unser damaliges Team mit rund 50 Online-Beratern den Ansturm der Notmails nicht mehr bewältigen konnte. Es entstanden lange Wartelisten", berichtet Claudine Krause, Gründerin und erste Vorsitzende des Projektträgers "jungundjetzt". Inzwischen hat sich die Zahl der Berater verdoppelt. Die ehrenamtlichen Helfer bringen pädagogische oder psychologische Fachkompetenz mit wie Jessica Plücken, die im nächsten Jahr ihren Master in Psychologie machen wird.

Die Anfragen der Jugendlichen zeugen von ihrer seelischen Not. Sie wissen oft nicht, an wen sie sich wenden können oder wollen im Freundes- und Familienkreis nicht über ihre Sorgen reden. Sie haben Angst, ausgelacht oder nicht ernstgenommen zu werden. "Psychische Probleme unterliegen immer noch einem Tabu", weiß Jessica Plücken. "Deshalb ist die Anonymität des Angebots so wichtig." Im Forum oder per E-Mail kann man sich alles vom Herzen schreiben. Oft haben die Jugendliche mehr als ein Problem. "Wir konzentrieren uns dann auf das akute Thema", sagt die Online-Beraterin, "und versuchen, eine Lösung zu erarbeiten."

Lässt sich online denn überhaupt wirksam helfen? Ja, sagt Jessica Plücken und schildert ein erfolgreich gelöstes Problem: Ein Mädchen hatte sich an sie gewandt, weil es in der Schule gemobbt wurde. Gemeinsam suchten sie nach einem Erwachsenen im Umfeld der Schülerin, der sie unterstützen könnte. "Sie ist dann zum Vertrauenslehrer gegangen, es gab ein Gespräch mit den anderen Schülern und das Mobbing hörte auf", erzählt die Psychologiestudentin. Von der Schülerin kam noch eine begeisterte Dankesmail - ein idealer Verlauf. In einem anderen Fall hat Plücken mit einem Hilfesuchenden, der sich selbst verletzte, eine Liste von Personen und Institutionen erarbeitet, an die er sich wenden konnte.

Wichtig ist den Beratern, dass klar ist: Sie können weder Diagnosen erstellen noch behandeln. Und in Fällen von Suizidgefährdung schalten sie ihrerseits ihre Coaches ein und gegebenenfalls auch die Polizei. Die Beratung ist und bleibt zwar anonym, aber im Gefahrenfall kann die Polizei über die IP-Adressen feststellen, wer sich da gemeldet hat. Aber so etwas ist die Ausnahme. Die meisten Jugendlichen leiden unter den Problemen des Alltags und haben niemanden, mit dem sie darüber sprechen können. Niemanden außer den Beratern von Jugend-Notmail.

Seit Bestehen des Vereins wurden über 97.000 Notmails beantwortet, monatlich treffen bis zu 1000 neue Zuschriften ein. Weitere Infos unter www.jugendnotmail.de oder via Mail an info@jugendnotmail.de

Quelle: RP
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