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Mönchengladbach
Atelier Strichstärke - eine Talentschmiede

Mönchengladbach: Atelier Strichstärke - eine Talentschmiede
Das Atelier Strichstärke ist in einem Ladenlokal in der Rheydter Ringpassage untergebracht. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Bewohner von Hephata-Einrichtungen treffen sich regelmäßig zum Malen und Zeichnen im Ladenlokal in der Rheydter City-Passage. Derzeit entstehen Porträts für eine Ausstellung in Münster. Am 4. Mai bekommt das Finanzamt ein Bild. Von Arnold Küsters

Es ist diese Ruhe. Und die Konzentration. Förmlich zu hören und zu spüren in dem kaum 30 Quadratmeter großen Raum, mitten in der City-Passage. Ein ehemaliges Ladenlokal, die beiden Außenwände verglast, Viel Kunstlicht. Tageslicht dringt durch die Oberlichter im Gang zwischen den Geschäften. An zwei Tischen sitzen an diesem Morgen vier Künstler. Gebeugt über Zeichenpapier. Vor ihnen Bunt-, Gel- oder Aquarellstifte. Die Malunterlagen erzählen davon, dass hier oft und intensiv mit Farben gearbeitet wird. Striche, mal breit, mal schmal, Kleckse über- und durcheinander.

"Soll ich mit dem Blau hier weitermachen?" Friedhelm Wehnert sieht Yvonne Klaffke fragend an. Sie nickt dem 71-Jährigen aufmunternd zu: "Würde ich so machen." Die Diplom-Sozialarbeiterin betreut mit Barbara John, Grafikerin und Heilerzieherin, die regelmäßig stattfindenden Malgruppen. Und das schon seit rund 20 Jahren. Im Augenblick arbeiten sie an Bildern für eine Ausstellung im Münsteraner Kunsthaus Kannen im Herbst. "Wir stellen dort Selbstporträts aus", sagt Barbara John. Daran arbeiten die Kursteilnehmer heute.

Entstanden ist das Atelier Strichstärke aus der Arbeit im Betreuten Wohnen der evangelischen Stiftung Hephata. Die beiden Pädagoginnen sahen, dass viele Bewohner in ihren eigenen vier Wänden kreativ waren. "Wir wollten sie einfach zusammenbringen." Zunächst war das Atelier auf dem Hephata-Gelände untergebracht. Immer dort, wo gerade Platz war, so Barbara John: "Dann hat der Vorstand entschieden, dass wir endlich einen festen Raum für unsere Arbeit bekommen. Schon seit 2011 arbeiten wir in der Rheydter Passage."

Der Raum sieht längst aus wie ein Atelier: Farbtuben in verschiedenen Größen, Acryl und Öl, ein Bund Pinsel in einem Eimer, Staffeleien, ein Regal mit Kunstbänden. An den Wänden gerahmte Arbeiten unterschiedlichste Thematik und Technik. Material und Ausstattung komme von der Stiftung, "natürlich freuen wir uns auch über Spenden."

Die Kunst kann gekauft werden. Die Preise für die Arbeiten liegen zwischen 40 und 1900 Euro. Das Atelier Strichstärke ist durchaus erfolgreich. So ziert die Kunst der Hephata-Bewohner etwa die Weißblechdosen eines Kölner Spekulatiusherstellers. Dieser Auftrag habe gleich zu weiteren Kontakten geführt.

Mehr als der finanzielle Erfolg zählt für die beiden Pädagoginnen aber der persönliche Erfolg jedes Einzelnen. "Einige haben über die Jahre sehr große Fortschritte gemacht." Friedhelm Wehnert etwa. Er habe zunächst nur mit dem Lineal gearbeitet, mittlerweile zeichne er fast ausschließlich frei. Auch Hans-Dieter Beuster habe sich weiterentwickelt. Der 63-Jährige hat lange in der Gärtnerei gearbeitet und baut daher gerade Pflanzen in seine Porträtzeichnung ein: "Ich kann hier den anderen auf die Finger gucken. Wie machen die das? So komme ich auf neue Ideen."

Allen gemeinsam ist, dass sie die entspannte Atmosphäre während des Arbeitens schätzen. Die 36 Jahre alte Jasmin Müller fügt hinzu: "Niemand muss sich hier verstellen, oder sich schämen. Jeder hat seine Schwierigkeiten. Hier hilft man sich gegenseitig." Petra Bleilevens sitzt neben ihr: "Ich kann hier verwirklichen, was in meinem Kopf vorgeht. Ich muss hier keine Angst haben, ausgelacht zu werden. Ich schreibe übrigens auch Gedichte."

Das ethisch verwurzelte Therapiekonzept, denn das ist "Strichstärke" ja auch, lässt sich im Fall des Rheydter Hephata-Ateliers mit Schlagworten erklären wie: Ohne Druck kein Ausdruck, oder: Kunst ist eine andere Form des Denkens. Den letzten Satz schreibt Barbara John Gerhard Richter zu. Der Hauptaspekt solle jedoch der Spaß an der eigenen Kreativität ein, den die beiden Betreuerinnen auf mannigfaltige Weise fördern - durch den Besuch von Ausstellungen, Museen, dem Angebot unterschiedlichster Themen, dem Arbeiten in den verschiedenen Kunstgenres, und der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen. Es gehe stets darum, "dass Kunst immer auch etwas Heilendes hat. Ob das nun Menschen mit oder ohne Behinderung betrifft. Man wird etwas los und bringt etwas auf den Weg."

Die tägliche Arbeit im Atelier bewegt sich im Fluss der Dinge und Ideen. Für die Zukunft schwebt Barbara John noch etwas anderes vor: "Ähnlich wie in der VHS wollen wir regelmäßige Kunstkurse anbieten. Inklusion ist uns ganz wichtig. Menschen mit und ohne Behinderung könnten aber auch in einem eigenen Kunstzentrum arbeiten." Im Augenblick steht neben der Schau in Münster allerdings die Ausstellung im Finanzamt im Nordpark im Fokus. Am 4. Mai gibt es um 17 Uhr eine Vernissage mit mehr als 20 verschiedenen Arbeiten. Anlass ist die offizielle Übergabe eines fast vier Quadratmeter großen Bildes. "Unsere Künstler zeigen Stadtansichten aus Mönchengladbach. Sie sind künftig in der Kantine des Finanzamtes zu sehen."

Quelle: RP
 
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