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Mönchengladbach
Auch für meine Familie hatte der Angriff Folgen

Mönchengladbach. In der Nacht zum 28. August 2010 wurde Michael Frehn bei einem Einsatz schwer verletzt. Ein junger Mann zertrümmerte ihm mit einem Tritt das Gesicht. Was der Angriff auslöste und warum der Hauptkommissar trotzdem im Dienst blieb, schildert er hier.

Ich habe meinen Job als Polizist immer gerne gemacht - vor dem Vorfall wie auch danach. Reizvoll finde ich an dem Beruf unter anderem, dass man Einblicke in viele verschiedene Facetten und soziale Strukturen bekommt, die einem sonst verschlossen sind. Als Polizist habe ich die Chance, Gutes zu tun und zu versuchen, die Welt ein kleines bisschen sicherer zu machen. Und das ist schließlich die Welt, in der auch meine Familie, meine Kinder leben.

Der Vorfall hatte Auswirkungen für mich als Mensch, die bis heute anhalten. Ich werde jeden Tag wenn ich in den Spiegel schaue an das erinnert, was da vor sechs Jahren passiert ist: Mein Gesicht hat sich verändert und wird nie wieder so aussehen wie davor. Ich denke aber, für meine Familie und die Menschen in meinem persönlichen Umfeld waren und sind die Auswirkungen noch wesentlich dramatischer. Als Polizist muss ich mit dem Wissen leben, dass es möglich ist, dass ich im Dienst mal verletzt oder im schlimmsten Fall auch getötet werde. Und ich erlebe immer wieder Situationen bei meiner Arbeit, die mich unweigerlich daran erinnern. Als Außenstehender verdrängt man das mit der Zeit wahrscheinlich - bis es dann wirklich einmal passiert und der Alptraum wahr wird.

Gerade die Eltern haben für Kinder diese selbstverständliche Beschützerrolle. Wenn so etwas passiert, dann kann das einreißen. In Zukunft wird die Familie immer mit dem Bewusstsein leben müssen, was mir angetan wurde. Und dass es wieder passieren könnte. Dass ich im Dienst verletzt oder getötet werden könnte. Für meine Familie war das alles sehr, sehr schlimm und hat seelische Folgen, die nicht nach ein paar Monaten wieder verschwinden.

Ich muss aber sagen, dass der Zuspruch aus dem Kollegenkreis, meinem Umfeld und auch aus dem größten Teil der Bevölkerung enorm war. Daran habe ich gemerkt, dass man als Polizist doch noch so etwas wie einen Status hat. Und dass nach so etwas anscheinend doch viele den "Menschen" hinter dem Polizisten sehen.

Ich bin seit 25 Jahren Polizist und ich habe das ganz deutliche Gefühl, dass die Gewaltbereitschaft zugenommen hat. Vielleicht liegt es daran, dass sich durch die Schnelllebigkeit die allgemeine Wertevermittlung und Moral verändert haben. Die Hemmschwelle ist kleiner geworden, Gewalt anzuwenden. Auch uns gegenüber. Jeder hinterfragt alles, und wir erleiden einen Autoritätsverlust. Ich würde mir wünschen, dass die Politik hinter uns steht, während die gesellschaftlichen Probleme immer größer werden.

Wir sind schon lange nicht mehr rein repressiv tätig. Zunehmend fungieren wir auch als sozialer Ansprechpartner oder "Blitzpsychologen". Es sollten meines Erachtens alle etwas mehr Ruhe und Toleranz aufbringen. Erst denken und dann handeln.

Quelle: RP
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