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Mönchengladbach
Auf den Spuren der Maikäfer

Mönchengladbach: Auf den Spuren der Maikäfer
Derzeit leben bei Ludger Horstmann drei Maikäfer, die er im Münsterland gefunden hat. FOTO: Horstmann
Mönchengladbach. Regelmäßig fährt der gebürtige Westfale Ludger Horstmann ins Münsterland, um Maikäfer zu sammeln und mit nach Mönchengladbach zu nehmen. Im Rheinland sind die Tiere, die nur vier Wochen leben, schon lange ausgestorben. Von Marei Vittinghoff

Ludger Horstmann sitzt in seiner Küche in Rheydt. Grüne Blätter liegen verstreut auf dem dunklen Holztisch vor ihm. Die Blätter hat Horstmann nicht einfach nur so gepflückt und in seine Wohnung gebracht: Sie sind das Zuhause von drei außergewöhnlichen Mitbewohnern, die seit einigen Tagen in einem Einmachglas mit luftdurchlässigem Verschluss bei ihm herumkrabbeln. Es sind drei Maikäfer, die dem 70-jährigen nun über Hände und Arme laufen, während er ihnen fasziniert bei ihrem Treiben zuschaut. Die Käfer halten Ludger Horstmann ganz schön auf Trab: Immer wieder spannt einer seine Flügel auf, saust durch das Zimmer und muss nach einigem Suchen hinter Stühlen und Gardinen erst einmal wieder auf den Tisch zurückgebracht werden. "Die Maikäfer haben eben das Bestreben zum Licht zu fliegen. Dort, wo die Welt noch frei und offen ist", sagt er.

Schon eine kleine Reise haben die Käfer hinter sich gebracht. Horstmann hat sie bei einem Besuch bei Bekannten im Münsterland sorgfältig gesammelt. Denn der gebürtige Westfale ist sich sicher: "Im Rheinland gibt es keine Maikäfer."

Aufgefallen ist das Ludger Horstmann schon, als er im Mai 1971 aus beruflichen Gründen von seiner Heimatstadt Albersloh im Kreis Warendorf nach Mönchengladbach zog. Als er bei der Firma Schorch (heue Alstom) tätig war, kam er mit einem Arbeitskollegen - seinem späteren Schwiegervater - ins Gespräch über die Insekten. "Mein Kollege meinte, dass Maikäfer in Nordrhein-Westfalen bereits ausgestorben sein. Als ich ihm erzählt habe, dass es im Münsterland noch jede Menge davon gebe, sagte er nur, das sei Quatsch", erinnert sich Horstmann schmunzelnd. Den Westfalen brachte das auf eine pfiffige Wette: Für jeden Maikäfer, den er vorzeigen konnte, verlangte er 30 D-Mark.

Eine Wette, die Ludger Horstmann nur gewinnen konnte. Denn aus seiner Kindheit und Jugend auf dem Land, wusste er, dass Maikäfer dort in den 50er und 60er Jahren eine regelrechte Plage waren. "Die Käfer haben dort ganze Bäume kahl gefressen. Als Schuljungen wurden wir beauftragt, sie von den Bäumen zu fangen, um sie dann als eiweißhaltige Nahrung an die Hühner zu verfüttern", erzählt der 70-Jährige.

Am Montag nach der Wette kam Horstmann erfolgreich mit zehn Maikäfern in einer Zigarrenschachtel aus dem Münsterland zurück. "In der Firma war die Überraschung groß. Alle kamen gerannt und staunten, weil sie zum ersten Mal echte Maikäfer sahen."

Dem Naturfreund war das aber nicht genug. Mit einer unglaublichen Energie machte er sich über Jahre in ganz Mönchengladbach und Umgebung auf die Suche nach den Käfern, stieß mit langen Stöcken gegen Äste, durchsuchte Blätter und nahm Waldesränder genau unter die Lupe. Ohne Erfolg. "Bis heute habe ich noch keinen im Rheinland gefunden", sagt Horstmann. Auch seine Versuche, die Käfer in einem Glaskrug selbst zu züchten und in der Natur auszusetzen, scheiterten.

Also zog es Ludger Horstmann im Mai, wenn die etwa 2,5 Zentimeter langen Tiere ihre Hochzeit haben, weiterhin in das Münsterland. Dort sei die Populationsdichte durch Schädlingsbekämpfung heute zwar begrenzt, das Insekt ist aber immer noch vertreten. Mit einigen der Exemplare, die er auf seinen Ausflügen gesammelt hat, konnte Ludger Horstmann sogar schon die Kindergartenfreunde seines Enkelsohnes Noah in der Kita Geistenbeck beeindrucken. "Sowohl Kinder als auch Erzieher waren begeistert und erstaunt von der Größe der Käfer", erzählt Horstmann.

In seiner Freizeit nimmt der Hobby-Fotograf die Insekten gerne vor die Linse oder beobachtet sie zwischen den Blättern. "Im Nahbereich kann man erleben, was die Maikäfer in den vier Wochen, in denen sie leben, so alles tun und wie sie mit ihren Deckflügeln aussehen", sagt er. "Die Weibchen haben viel kürzere Fühler als die Männchen."

Seine drei Maikäfer hat Ludger Horstmann in der Küche erfolgreich einsammeln können. Wieder im Glas, machen sie sich über die Blätter her, die Horstmann hineingelegt hat. Nach all den Jahren hat sich an der Begeisterung für die außergewöhnlichen Tiere nichts geändert.

In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Horstmann 1973 als Starkstromtechniker zu arbeiten begann. Außerdem wurde die Bezeichnung der Firma Schorch korrigiert. 

Quelle: RP
 
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