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Mönchengladbach
Auf gute Nachbarschaft!

Mönchengladbach: Auf gute Nachbarschaft!
Patricia Schmitz, Luisa Kansy, Jürgen Segartz, Sibille Inderelst, Björn Kempen, Barbara Segartz (v.l.) und die acht Jahre alte Lina (vorne) schätzen ihre Nachbarschaft. FOTO: jörg knappe
Mönchengladbach. Sibille Inderelst ist 83 Jahre alt und wohnt in einer Siedlung in Odenkirchen. Für ihre Nachbarn hat sie nur Lob. Von Nicole Scharfetter

Es gab einmal eine Zeit, als eine Bande durch die Siedlung rund um den Roggenweg zog. Keine gefährlichen Gangster - sondern die Klingelmännchen-Bande, die sich einen Spaß aus der Klingelei machte und damit die Nachbarn gehörig auf Trab hielt. Vielerorts ist es üblich, dass diejenigen, die sich gestört fühlen, sich die Kinder schnappen und mächtig schimpfen. Oder eine salzige Beschwerde an die Eltern richten, an der schon ganze Freundschaften zerbrochen sind.

Sibille Inderelst regelte das auf eine andere Weise. Eine Weise, die in der Siedlung am Roggenweg ganz normal ist. "Ich sagte zu den Kindern, dass sie keine Kekse mehr bekommen, wenn sie immer klingeln und weglaufen." Seitdem ist die 83-Jährige die Kekse-Oma, und die Klingelstreiche waren passé.

So muss gute Nachbarschaft funktionieren, findet Inderelst. Wo Alte und Junge zusammenleben, nicht nur nebeneinander, sondern miteinander. Sibille Inderelst meldete sich auf einen RP-Aufruf: Wir suchten besondere Nachbarschaften. Zugegeben: Die Siedlung am Roggenweg hat kein geheimes Patentrezept für gute Nachbarschaft. "Aber es sind die Kleinigkeiten, die das Zusammenleben verbessern", sagt Björn Kempen, der mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Odenkrichen gezogen ist. Man winkt sich, wenn man sich morgens auf der Straße begegnet, nimmt Pakete für den anderen an und schaut nach der Post, wenn jemand im Urlaub ist. Wer nicht zur Siedlung gehört, der wird ganz genau unter die Lupe genommen, fremde Autos werden sofort inspiziert. Für den Termin mit der RP hat Sibille Inderelst nur ein paar Minuten gebraucht, um sechs Nachbarn zusammenzutrommeln. Im Wohnzimmer der 83-Jährigen sitzen Björn Kempen mit der acht Jahre alten Lina, Barbara und Jürgen Segartz und die Freundinnen Patricia Schmitz und Luisa Kansy, die ihre Freizeit lieber draußen verbringen, als nur vor dem PC zu hocken. In der Mitte der Runde steht eine große Schale - natürlich voll mit Keksen. "Wir haben uns ganz bewusst für diese Siedlung entschieden, weil hier so viele Kinder leben", sagt Barbara Segartz. Da spielen nicht nur die großen Kinder mit den kleinen, auch ihr Mann Jürgen wird auf den Bolzplatz gerufen, wenn mal wieder ein Torwart fehlt.

Jürgen Segartz hat nicht nur fußballerische Qualitäten, seine Nachbarin Sibille Inderelst schwärmt auch von seinen Backkünsten. "Er bringt immer selbst gebackenen Kuchen vorbei", sagt sie. Und wenn ihre Rollladen morgens ein bisschen länger unten sind, schauen die Segartz' sofort nach, ob alles in Ordnung ist. Das gibt Sibille Inderelst Sicherheit. Ein Jahr hatte sie vor ihrem Umzug an den Roggenweg mit ihrem Mann in einer Anlage für betreutes Wohnen gelebt. "Diese Anonymität dort machte uns krank", sagt die 83-Jährige.

Wichtig für eine gute Nachbarschaft sei die Toleranz für die anderen, sind sich die Bewohner einig. Wenn jemand eine Party feiern will, soll er das auch machen: "Dann sagt man vorher kurz Bescheid und alles ist gut", erzählt Björn Kempen. Außerdem: "Unser Sohn hat auch immer gefeiert", fügt Jürgen Segartz hinzu. Das macht die ganze Nachbarschaft übrigens ausgesprochen gern. In der Siedlung wird nämlich nicht darüber diskutiert, ob Halloween oder St. Martin dekoriert wird. In der Siedlung stellt sich nur die Frage: Bei wem ist es gruseliger an Halloween, und wer hat die schöneren Laternen im Fenster hängen, wenn die Kinder singen kommen.

Sibille Inderelst sagt: "Es stimmt nicht, dass nur gewachsene Nachbarschaften gut sind. Es kommt auf die Menschen an." Und die seien am Roggenweg ganz besonders.

Quelle: RP
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