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Serie Denkanstoss
Aufbruch der Esel

Mönchengladbach. Einige Gladbacher ärgern sich, dass wegen des Weihnachtsmarktes die Esel auf dem Sonnenhausplatz nicht zu sehen sind. Doch mit ein bisschen Fantasie lässt sich daraus eine weihnachtliche Geschichte schreiben. Von Albert Damblon

Die sieben Esel von Rita McBride sind nicht mehr zu sehen. Der Weihnachtsmarkt verstellt den Blick auf die Grauen vor dem Sonnenhaus. War ihre Aufstellung zunächst umstritten, inzwischen werden sie vermisst. Sie gehören zur Stadt. Angeblich übernahmen Esel früher eine wichtige Rolle in der Stadtplanung. Einst haben die Pfade der Esel die Straßenführung vorbestimmt. Weil sie sich die günstigsten Verbindungen ertrampeln, gehen die Menschen da, wo die Tiere gelaufen sind.

Eine moderne Legende erzählt, dass die Esel am 1. Dezember ganz verschwunden seien. In der Nacht, klagten die Sonnenhausbewohner, hätten sie kräftig gebrüllt. Es habe so geklungen, als ob sie sich zum Aufbruch fertig machten. "I - A! Wir haben nur 24 Tage Zeit, und der Weg ist weit. I - A!" So schrie der Esel, der in Richtung Stepgesstraße stand. Dann seien sie losgezogen. In einer langen Reihe verließen die Langohren hintereinander Mönchengladbach. Es ging nach Süden. Kein Esel blieb störrisch stehen. Sie hatten sich weder über den Weihnachtsmarkt geärgert noch die Schwanzräuber verflucht. In ihrem Herzen fühlten die Esel einen Auftrag. Am 24. Dezember wollten sie die Kleinstadt Bethlehem erreichen. Anders als die Hirten, denen die Engel etwas vorsingen mussten, und anders als die drei Könige, die einem Stern folgten, wussten die Esel wie von selbst, was los war. Sie hatten ein Gefühl für Weihnachten. Tiere spüren besondere Ereignisse, die in der Luft liegen. Da sie uns Menschen viel voraushaben, kommen sie ohne himmlische Fingerzeige aus. Die Esel marschierten, um rechtzeitig an der Krippe zu sein. Genauso geschah es. Der eine Esel, der schon da war, freute sich, denn Esel sind nicht gerne alleine. Auch ein Ochse wartete auf sie. In der Heiligen Nacht stehen acht Esel an der Krippe, lange bevor die ersten Hirten eintrudeln. Ihr Gladbacher I - A klingt schöner als der Engelsgesang. Der Eselschor hat das Geheimnis von Weihnachten begriffen.

Übrigens, ein Gladbacher Esel ist traurig. Im Bibelfenster des Münsters hält er seit Jahrhunderten an der Krippe aus. Ihn hatten die sieben Esel vergessen nach Bethlehem mitzunehmen. Dabei ist es vom Sonnenhausplatz zum Münster nicht weit.

DR. ALBERT DAMBLON IST SEELSORGER AN ST. BENEDIKT

Quelle: RP
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