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Mönchengladbach
Autistin präsentiert vor Gymnasiasten ihre Weltsicht

Mönchengladbach. Regine Winkelmann ist Mutter von vier Kindern und erhielt mit 47 Jahren die Diagnose Autismus-Spektrums-Störung. Von Eva Baches

Regine Winkelmann ist eine zierliche Frau mit kurzen Haaren und wachen blauen Augen. Mit festem Schritt betritt sie das Podium der Aula des Gymnasiums Odenkirchen. Winkelmann ist Autistin mit Asperger-Syndrom. Sie ist aber auch Mutter von vier Kindern, die ebenfalls von dieser Entwicklungsstörung betroffen sind. "Wenn sie Autismus und AD(H)S gleich viermal, in unterschiedlichen Ausprägungsgraden an ihre Kinder weitergegeben haben, dann erfahren Sie den Himmel und die Hölle. Sie leben und erleben Autismus mit all seinen Seiten, jeden Tag. Es macht sie aber auch zum Experten", sagt sie. Seit die Diagnose bei ihren Kindern gestellt wurde und Regine Winkelmann im Zuge dessen auch von ihrer eigenen Diagnose erfahren hat, möchte sie über diese Entwicklungsstörung informieren und aufklären.

"Vieles ist klischeehaft. Dies führt zu Intoleranz und Unverständnis. Daher müssen wir informieren", sagt sie. Und sie fordert: "Sprecht nicht über Autisten, sondern mit ihnen." Sie möchte zeigen, wie ein Autist die Welt sieht und eine Brücke schlagen zwischen Autisten und neurologisch gesunden Menschen. Sie verfolgt keinen wissenschaftlichen Ansatz, sondern erzählt aus ihrem Leben und Erfahrungen.

Wie kommt es zu den Vorurteilen? Regine Winkelmann erläutert dies mit einer Passage aus ihrem Buch: "Früher war ich falsch - heute bin ich anders. Sie heißt: ,unter der Eckbank'." Mit ruhiger Stimme erzählt sie, wie sie sich in ihrem Elternhaus, wenn Besuch da war, unter die Eckbank verkrochen hat und mit ihren Figuren spielte. "Ich wollte nicht das richtige Händchen geben und mit dem Besuch sprechen. Das war mein Rückzugsort, er gab mir Sicherheit. Ich war in meiner Welt", erzählt sie. Denn Autisten haben häufig Störungen in der Kommunikation, haben Probleme in der Interaktion mit anderen Menschen, können Emotionen wie Trauer, Wut, Verlegenheit und Ironie nicht gut erkennen. So kommt es zu unangemessen Kommentaren, die nicht zur Situation passen. Da heißt es denn schnell: Das Kind ist unerzogen, schüchtern, oder man wird als blöd oder Sonderling abgestempelt.

Auch Regine Winkelmann bekam entsprechende Kommentare der Besucher unter der Eckbank mit. Emotional wird es in der zweiten Passage, als sie als Schulkind versucht, sich einem Lehrer anzuvertrauen, weil sie von Mitschülern drangsaliert wurde, aber in der Situation nicht die passenden Worte findet, Mimik und Gestik nicht übereinstimmen. Verzweifelt versucht sie aus ihrer Welt zu kommunizieren, sich verständlich zu machen. Plötzlich sieht man sich selber vor dem Lehrer stehen, um Hilfe bitten. Der ganze Saal hört zu. "Glaubt ihr, es macht einem Kind Spaß, wenn es so überfordert ist, dass man nur noch toben kann? Wenn das Gesagte in Bildern übertragen wird? Autismus ist von Anfang an da. Mit der Diagnose ändert sich nicht der Mensch. Die Diagnose bietet eine Chance auf Unterstützung", betont sie. Denn Autisten setzten die Worte oft in Bilder um.

Wie das aussieht, zeigt Regine Winkelmann in einem emotionalen Film: Gedanken in Bildern. Schöne Bilder, Wolken, Himmel, Natur wechseln sich ab. Jeweils mit einem Spruch oder Appell wie: Wann wird es endlich normal sein, dass Menschen verschieden sind? Autismus heilen? Am Ende des Films sind alle sichtlich bewegt. Auch Regine Winkelmann sieht man deutlich an, dass sie tief berührt ist.

Die Welt der Autisten und der neurologisch Gesunden ist zusammengerückt. "Es war ein seht intensiver Vortrag. Die Perspektive ist noch klarer geworden", sagt Hanne Rosocha.

Quelle: RP
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