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Mönchengladbachs Sportdezernent
Bei uns funktioniert Fußball emotional

Mönchengladbachs Sportdezernent: Bei uns funktioniert Fußball emotional
Sportdezernent Gert Fischer beim Interview im Raum Luxemburg im Borussia-Stadion. Das Bild im Hintergrund zeigt den Handschlag der damaligen Kapitäne Günter Netzer und Sandro Mazzola (Inter Mailand). FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Sportdezernent Gert Fischer hofft auf einen Erfolg der EM-Bewerbung Mönchengladbachs und glaubt an die Sportvereine in der Stadt.

So eine Vielfalt und Bandbreite im Zuständigkeitsbereich haben Beigeordnete selten zu bieten: Gert Fischer verantwortet im Rathaus die Dezernate für Kultur, Schule und Sport. Themen gäbe es also viele. Doch diesmal geht es nur um eins: den Sport, sowohl als Großereignis als auch an der Basis mit den vielen Vereinen in der Stadt. Ein bisschen Kultur spielt doch hinein. Denn der Dezernent aus Mönchengladbach hat eine deutliche Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem Cover des Albums "The Very Best of The Smiths". Findet zumindest der wohl größte Fan der britischen Band unter den RP-Redakteuren.

Herr Fischer, jetzt mal ehrlich: Wie sind Sie auf das Smiths-Cover gekommen?

Fischer Ich hoffe, dass ich nicht so aussehe. Das ist ein britischer Schauspieler, der auch in der "Carry On"-Serie dabei war. (Charles Hawtrey, d. Red.)

Aha, wie immer gut informiert. Ähnlichkeit ist aber da. Sie sind aktiver Schachspieler - wurden in den vergangenen Jahren die richtigen Rochaden für diesen Sport in der Stadt gemacht?

Fischer Es gab immer einen guten Plan. Das meiste wurde auch umgesetzt, manchmal hat allerdings das Geld gefehlt. Aber das hat nicht immer geschadet. Es ist eine Mönchengladbacher Spezialität, Dinge umzusetzen, ohne die Taschen voller Geld zu haben.

Mönchengladbach hat sich für die EM 2024 beworben. Wie wichtig sind Großereignisse für den Sport?

Fischer Zuallererst nutzen solche Großereignisse dem Prestige der jeweiligen Sportart insgesamt und der Stadt, in der sie stattfinden. Für die Nachwuchsgewinnung der lokalen Vereine ist es - glaube ich - unerheblich, ob man Spielort ist oder nicht.

Wie stehen die Chancen für Mönchengladbach? In Düsseldorf waren die Gutachter schon. In Mönchengladbach auch?

Fischer Ja, die Herren waren schon da, aber sie sind nicht das Entscheidungsgremium. Sie hatten einen Berg von Detailfragen. Da ging es etwa um Kabeltrassen oder den Querschnitt von Leitungen. Was unsere Chancen angeht, so wissen wir, dass wir eines der modernsten Stadien in Deutschland haben. Wir sind top drauf.

Erhöht es die Chancen, dass Mönchengladbach unter allen Bewerberstädten von den Fans auf Platz 4 gewählt wurde?

Fischer Das kann ich wirklich nicht abschätzen. Das Ergebnis des Rankings kam für mich aber nicht überraschend. Dass der Borussiapark atmosphärisch funktioniert, weiß jeder, der mal dort war. Das Stadion ist in ganz Deutschland sehr positiv besetzt.

Was spricht für Mönchengladbach?

Fischer Mönchengladbach ist einer der Orte, an denen Fußball wirklich gelebt wird. Fußball ist hier immer ein Fest. Die EM wäre bei uns nicht ein Event unter vielen, sondern "das Ding". Das würden auch die Gäste merken.

Stimmt es, dass es Bewerbern einen Vorteil bringt, wenn sie auf der Wetterkarte der Tagesschau stehen?

Fischer Das sagen Zyniker. Auf der Wetterkarte stehen natürlich nur die ganz großen Städte. Aber es gibt hoffentlich noch andere Bewertungskriterien.

Zählt für die Uefa auch das Herz?

Fischer Wir können nicht wissen, was für die Uefa zählt. So weit sind wir ja auch noch nicht. Im Augenblick steht die deutschlandinterne Entscheidung an. Der DFB sucht zehn Spielorte. Für uns spricht zum Beispiel, dass wir noch nie Austragungsort waren und dass wir der "europäischste" Spielort wären. Wir sind sehr nahe an Belgien und den Niederlanden und haben durch das JHQ alte Verbindungen auf die britischen Inseln. Das würden wir auch in den Mittelpunkt eines Rahmenprogramms stellen.

Die Uefa ist nicht gerade dafür bekannt, in erste Linie um das finanzielle Wohl der Austragungsorte besorgt zu sein. Wie groß sind die Zugeständnisse, die die Stadt machen müsste? Wie groß ist das finanzielle Risiko?

Fischer Darum kreist die Diskussion überall. Die Kosten des Jahres 2024 sind heute nicht präzise abzuschätzen. Wichtiger ist aber der Grad der Refinanzierung. Die Erfahrungen der WM 2006 zeigen, dass die meisten Städte damals daran sogar noch verdient haben. Die Schere geht auf, wenn hohe Investitionskosten nötig sind. Das wäre bei uns nicht der Fall.

Kommt es der Stadt zugute, Austragungsort der Frauen-WM gewesen zu sein?

Fischer Absolut. Wir konnten üben und hatten damals einen angenehmen Umgang mit dem DFB und der manchmal vielgescholtenen FIFA. Es wurden immer Lösungen gefunden, wenn es mal Probleme gab.

Gibt es Auflagen, die die Stadt erfüllen muss? Fan-Zonen zum Beispiel?

Fischer Wir sind gehalten, zwei Fan-Zonen auszuweisen. Wir haben den Kapuzinerplatz und den Rheydter Markt genannt. Beide haben bei Großereignissen immer gut funktioniert.

Auch für Olympia will sich Mönchengladbach bewerben. Wie stehen da die Chancen?

Fischer Da ist die Situation eine völlig andere. Bei der EM haben wir eine Bewerbung abgegeben. Bei Olympia setzt sich eine Privatinitiative für eine Bewerbung ein. Das ist gut, steckt aber noch in den Anfängen. Mönchengladbach wäre ein logischer Austragungsort für Hockey. Wir haben immer noch das schönste Hockeystadion Europas.

Der Deutsche Hockeybund ist seit mehr als zehn Jahren in der Stadt angesiedelt, aber nicht sehr präsent. Der Hockeypark wird mehr als Veranstaltungsort genutzt. Nun soll ein nationales Leistungszentrum kommen.

Fischer Es ist natürlich wichtig, dass das Stadion auch zukünftig für Hockey genutzt wird. Durch das Leistungszentrum würde das Hockeyelement gestärkt. Es wäre auch für den Nordpark wichtig, denn der Borussia- und der Hockeypark bilden sozusagen seine beiden Herzkammern. Ob es zu dem Leistungszentrum kommt, hängt davon ab, wie die Strukturen der Sportförderung zwischen dem Bundesinnenministerium, den Spitzenverbänden des Sports und dem Deutschen Olympischen Sportbund abgestimmt werden. Das Land NRW, die Stadt und die EWMG stehen bereit.

Kommen wir zur sportlichen Basis der Stadt: im Gegensatz zu den Außensportanlagen sieht es bei den Hallen nicht so gut aus. Welche Noten würden Sie den Sporthallen der Stadt geben?

Fischer Auch im Hallenbereich ist in den vergangenen Jahren viel investiert und viel saniert worden. Das ist für die politischen Gremien und die Medien nicht so sichtbar. Allein in diesem Jahr sind wieder fünf Hallen zur Sanierung vorgesehen. Insgesamt würde ich den Sporthallen eine Drei plus geben.

Für größere Veranstaltungen im Hallensportbereich gibt es eigentlich nur die Jahnhalle. Braucht die Stadt nicht eine Sporthalle mit, sagen wir mal, 5000 Plätzen?

Fischer Den Bedarf für eine große Sporthalle mit 5000 oder auch nur 2000 Plätzen sehe ich im Moment nicht. Die Sportarten, die sie regelmäßig füllen würden, sind bei uns nicht entsprechend entwickelt. Außerdem: Wer soll das bezahlen? Konzentrieren wir uns lieber auf die Basis.

Die Verbesserungen im Außensportbereich springen ins Auge. Anlagen wie die Bellermühle und die Radrennbahn wurden aufgerüstet. Auch für Randsportarten wie Skater gibt es Angebote. Sind Sie zufrieden?

Fischer Wir müssen immer sehen, wer welche Angebote wirklich braucht. Die BMX-Anlage an den Holter Sportstätten zum Beispiel ist schön, wird aber leider schlechter angenommen, als erwartet. Die Bolzplätze dagegen, bei denen wir mit der Borussia zusammenarbeiten, werden wirklich gut genutzt.

Die Vereinslandschaft in Mönchengladbach ist vielfältig und hat auch Klein- und Kleinstvereine. Ist sie auch für die Zukunft gut aufgestellt? Der Vorsitzende des Fußballausschusses MG/Viersen Thomas Klingen etwa fordert, dass die Vereine mehr kooperieren müssen. Ist das Kirchturmdenken also oft zu groß?

Fischer Manchmal ja, aber viele Vereine richten ihren Blick mit Klugheit auf die Zukunft. Aber in der Tat ist die Nachwuchsfrage für Vereine eine Überlebensfrage. Bei Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen kann die Stadt nur die Türen öffnen. Wir arbeiten da im Gleichklang mit dem Stadtsportbund. Die Vereine müssen die Möglichkeiten dann nutzen.

Mönchengladbach hat mit dem Gymnasium Rheindahlen eine NRW-Sportschule. Ist auch ein Internat möglich?

Fischer Es gibt ja das Sport-Teilinternat, mit dem das Gymnasium Rheindahlen kooperiert. Für ein komplettes Sportinternat müssten unsere Profil-Sportarten Judo, Hockey und Schwimmen deutlich mehr junge "Kadersportler" haben. Beim Fußball erfüllen wir dank der Borussia natürlich alle Voraussetzungen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Welche Sportarten sehen Sie sich im Fernsehen an?

Fischer Ich bin von einigen Auswüchsen im Spitzensport wenig begeistert und schalte daher den Fernseher für Sportübertragungen deutlich seltener ein als früher.

GEORG AMEND, KARSTEN KELLERMANN, DENISA RICHTERS UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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