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Mönchengladbach
Blick eines Landsknechts auf Luther

Mönchengladbach: Blick eines Landsknechts auf Luther
Feridun Zaimoglu las im Carl-Brandts-Haus aus seinem neuen Buch, Maren Jungclaus interviewte ihn. FOTO: Ilgner
Mönchengladbach. Nach sieben Jahren las der vielfach preisgekrönte deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu wieder in Gladbach. Im Carl-Brandts-Haus stellte der 52-Jährige mit einem Luther-Roman seine Sprachmacht unter Beweis. Von Dirk Richerdt

Es klingt kaum glaubhaft, dennoch stimmt es: Bereits im Alter von zehn Jahren las der aus einer muslimischen Familie stammende Feridun Zaimoglu die Bibel. "Wieder und wieder", berichtet der Autor bei seinem Besuch in der vollbesetzten Halle der Zentralbibliothek, wo er im Rahmen des Literarischen Sommers Passagen aus seinem neuen Roman "Evangelio" vorträgt. Der Junge verschlang jene Bibel-Übersetzung, die vor 500 Jahren ihren Siegeszug durch die Welt antrat: die "Biblia Teutsch" des Augustinermönchs Martin Luther, der vor 500 Jahren seine Thesen für eine grundlegende Reformation des christlichen Glaubens verkündete.

Feriduns starkes Interesse an der Lutherbibel stieß in seiner Familie verständlicherweise auf wenig Gegenliebe: "Meine Mutter hätte mich fast zur Kinderpsychiaterin geschickt", erzählt Zaimoglu. "Ich beschäftige mich seit 40 Jahren mit der christlichen Religion und kenne ihre Bildsprache" - eine Aussage, die der Autor, der vor 21 Jahren mit "Kanak Sprak" ins Rampenlicht der Literatur trat, in seinem Luther-Roman vollauf bekräftigt.

Das Buch beschreibt einen Ausschnitt aus der Lebensgeschichte des Reformators, nämlich die Zeit seines Aufenthalts auf der Wartburg bei Eisenach 1521/1522. Der Ich-Erzähler ist ein ungehobelter Landsknecht namens Burkhard, der als eine Art Bodygard für Luthers Sicherheit zuständig ist. Der "ungeratene Kaufmannssohn" steht innerlich unter Druck, ist er doch als Katholik der römischen Kirche eng verbunden, hat aber einen Eid geschworen, Luther zu beschützen. Zaimoglus Kunstfigur lässt sich von "Meister Martin" übrigens nicht zur neuen Lehre bekehren. Dem Volk aufs Maul schauen, dieses Prinzip des sprachmächtigen Doktors der Theologie Luther beherzigt auch Feridun Zaimoglu. So hat der Autor eine eigene Kunstsprache erdacht, die derb, direkt, kraftvoll klingt, die aber weder die Redeweise des 16. Jahrhunderts noch der Gegenwart imitiert.

Davon bekamen die Besucher der Autorenlesung Beispiele geboten: "Es vermorscht hier meine Tüchtigkeit, ich schlaf auf durchgefaulter Strohschütte, ich werd mich nicht verbittern. Papst, Jud und Türck sind Teufels Kotbröckchen, gespeichelt und gebacken", zitiert Zaimoglu den Reformator.

Luthers entfesselter Hass auf Papst, Juden und Muslime und sein panischer Aberglaube (Hexen, Teufel) kann nicht dessen starke Frömmigkeit überdecken. Er habe zwar persönlich Probleme mit dem späten Luther, der mit seinem Pamphlet "Wider die räuberischen Rotten der Bauern" schlimmste Hetze betrieben habe, so Zaimoglu, aber: "Ich halte ihn für einen großen Sprachmeister und einen sehr mutigen Mann." Schließlich war Luther von Papst und Kaiser in Acht und Bann getan worden, somit vogelfrei. "Jeder durfte ihn ungestraft töten", informierte Zaimoglu.

Seinen Roman "Evangelio" hält der Autor für unübersetzbar. "Es ist ein teutsches Buch", resümierte der Schriftsteller, dem die Moderatorin des Abends, Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW, zutraut, dass er reif für den Büchner-Preis sei.

Quelle: RP
 
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