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Serie Was Macht Eigentlich?
Blumenkönigin und Macherin mit Herzblut

Mönchengladbach. Porzellan Heinemann - das war 66 Jahre ein großer Name in Rheydt. Hildegard Heinemann, 1966 mit gerade mal 20 Jahren Blumenkönigin, hat sich auch darüber hinaus vielfältig engagiert: für eine lebendige Hauptstraße, den Fortbestand des Blumenkorsos, im Karneval. Von O. E. Schütz

Keine Frage: Tatkraft und Verkaufstalent hat Hildegard Heinemann geerbt. Ihre Mutter stand im Krieg auf dem Dach des Hauses Hauptstraße 7 und half beim Löschen, als der Dachstuhl in Flammen stand; die Feuerwehr musste auch ihren Mantel löschen. Und Änne Heinemann widersetzte sich der Forderung der Verwaltung, alles aus dem Haus zu räumen und auf die Straße zu setzen: "Da wird es doch gestohlen!" Änne Heinemann rettete das Geschäft über den Krieg.

Verkaufen war ihre Leidenschaft."Meine Mutter war erst Verkäuferin und dann Einkäuferin im Gladbacher Modehaus Schneiders-Hecker, als mein Vater sie im Zug nach Köln kennenlernte. Sie konnte schwarze Mäuse mit weißen Schwänzen verkaufen, wie man so sagt - wie ich auch", sagt Hildegard Heinemann.

Sie wurde ein Jahr nach dem Krieg geboren, wuchs mit ihrer Zwillingsschwester Ingrid quasi auf im Geschäft "Porzellan Heinemann", das Richard Heinemann 1935 gegründet hatte. Ein Mann mit Tatkraft und Geschäftssinn: Er kaufte das Grundstück, baute um, zimmerte die Regale selbst. Gegen Ende des Kriegs flüchtete er in Russland aus der Wehrmacht und schlug sich nach Rheydt durch. Das Geschäftshaus an der Hauptstraße hatte die Bombennächte überstanden, es war ja auch das erste in Rheydt aus Beton. Dahinter aber lag fast alles in Trümmern. Die Heinemanns machten weiter, der Laden wuchs. Richard kaufte Grundstücke hinzu und baute Anfang der 60er Jahre zur heutigen Größe aus. Die Töchter waren früh wie selbstverständlich dabei. "Ingrid und ich haben schon als Kinder im Geschäft Verkaufen gespielt, Einpacken geübt, Kassieren und später, wie man mit Kunden umgeht", erzählt Hildegard.

Die Eltern schickten sie nicht zum Rheydter Mädchen-Gymnasium, sondern zur Gladbacher Marien-Schule: "Weil die einen besonders guten Ruf hatte." Hildegard wurde früh mit zu Messen und Einkaufstagen genommen: Sie sollte sehen, was angeboten wurde und einschätzen lernen, was man verkaufen konnte. All das hatte sie schon mit 16 so intus, dass sie nach der Mittleren Reife nicht erst in die Lehre musste, sondern gleich ins Geschäft einstieg: "Ich habe später von der Industrie- und Handelskammer die Erlaubnis bekommen, Lehrlinge auszubilden und saß nachher auch in der Prüfungskommission der IHK." Die Überlegung, Sportjournalistin zu werden, war eine Episode geblieben. Es gab anderes zu tun.

Porzellan Heinemann, das renommierte Fachgeschäft für Porzellan, Silber, Kunstgewerbe und Bestecke: Das war ihr Leben. "Dahinein habe ich 40 Jahre Herzblut gesteckt", erzählt die 69-Jährige. Doch sie hatte immer noch genügend übrig, sich auch für anderes zu engagieren: als Mitgründerin der Händler-Interessengemeinschaft Hauptstraße, später viele Jahre im City-Management, beim Karneval in der Prinzengarde, die ihr Vater 1935 unter anderen mit Willy Beines gegründet hatte.

Und beim Rheydter Blumenkorso: "Der war für mich schon als Kind immer ein Erlebnis. Wir schmückten unser Geschäft ganz groß. Dekorieren war schon damals meine Leidenschaft, und sie ist es geblieben. Ich habe bis zuletzt immer unsere neun Schaufenster alle drei Wochen neu dekoriert - eigenhändig."

1966 gab es beim Korso den ganz großen Auftritt für sie. "Der Sekretär von Oberbürgermeister Wilhelm Schiffer kam ins Geschäft und fragte meine Eltern, nicht mich, ob ich Blumenkönigin werden dürfe", erzählt Hildegard Heinemann. "Mein Vater hatte stets gesagt, unser Haus würde immer mitmachen, wenn es um Heimatfeste ging. So durfte ich - und ich wollte." Es gab zwar zunächst einige Bedenken im Verein "Blühendes, schaffendes Rheydt", denn Hildegard war noch 19. "Doch ich war selbstbewusst und nicht gerade auf den Mund gefallen."

Und sie verstand es, nicht nur Porzellan, sondern auch sich selbst zu "verkaufen". Ihre Reden schrieb sie zwar vor, schaute dann aber meist kaum auf das Manuskript. Mit ihrem Charme und ihrer offenen Art begeisterte sie schnell. Sie hatte ja auch sehr viel Spaß an der Aufgabe, "das war ja etwas ganz Besonderes": die Fahrten auf dem Blumenwagen oder in offenen Cabriolets, die Kleider, die sie und die beiden Ehrendamen, ihre Schwester und ihre Freundin Ulrike Küsters, trugen (große Robe, Sommerkleid und Kostüm), die Krone, das Zurechtmachen vor jedem Auftritt: "Wir wurden frisiert, geschminkt und bekamen den geliehenen Brillantschmuck umgelegt." Und schließlich der Korso durch die Stadt, vorbei an 350 000 begeisterten Zuschauern: "Es war eine tolle Woche, ein großartiges Erlebnis", schwärmt Hildegard Heinemann noch heute.

Doch der große Blumenkorso ist seit 1981 Geschichte. Wie auch das Porzellanhaus Heinemann, das sie mit den Eltern erfolgreich geführt hat. Ihr Anspruch: hohe Qualität, ein Riesenangebot ("Mein Vater hat immer gesagt, was man nicht im Laden hat, kann man auch nicht verkaufen"), zuvorkommende, persönliche Beratung durch geschultes Personal, Erkennen von Trends und Anpassung des Sortiments.

Doch das Geschäft wurde immer schwieriger. Der Vater starb 2000. Und mit 54 Jahren wollte sie mehr Freizeit haben, das Leben ohne Geschäftsstress genießen. "Ich wollte das Geschäft verkaufen. Doch es fand sich niemand, der das Haus weiterführen wollte oder konnte: 900 Quadratmeter Verkaufsfläche über drei Stockwerke, ungefähr die gleiche Fläche als Lager in zwei Tiefgeschossen, 20 Mitarbeiter." So hat sie 2001 das Geschäft geschlossen und dann die Immobilie verkauft: "Es fiel nicht leicht nach 66 Jahren Porzellan Heinemann und 40 Jahren unter meiner Führung. Doch ich hatte früh gelernt, dass Entscheidungen getroffen und auch umgesetzt werden müssen."

Quelle: RP
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